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Tags:    Ethik     Gedanken
 
michil Donnerstag, 1 Februar 2018

Wenn gutes Benehmen antikonformistisch ist

Gutes Benehmen muss wieder Wertschätzung erfahren, denn es bedeutet, sich gegenüber dem Nächsten zu öffnen, bedeutet eine unabdingbare Form des Respekts und eine solide Bastion im Meer des unzivilisierten Verhaltens.
Wenn gutes Benehmen antikonformistisch ist
 
 
 
Gutes Benehmen ist eine Sache für viele, nicht für wenige, und eine wichtige Voraussetzung für ein besseres Leben. Sie schränkt unseren freien Willen nicht ein und ist kein Zeichen für einengenden Konformismus. Im Gegenteil, gutes Benehmen bekommt etwas Revolutionäres, wenn überall schlechtes Benehmen die anerkannte Regel ist.
Wenn ein Gast – oder ein sogenannter Gast – einen unserer Mitarbeiter als „Arschl...“ beschimpft, dann müssen wir, glaube ich, über Erziehung sprechen. Wenn dieses Attribut auch noch von weltweit unmissverständlichen Gesten begleitet wird und diesen dann miserable Rezensionen unseres Hauses auf den Reiseportalen folgen, dann muss ich mein anfängliches „glaube ich“ durch ein „mit Sicherheit“ ersetzen. Gutes Benehmen ist ein Prinzip, das direkt mit der intellektuellen Persönlichkeit und der Fähigkeit zu sozialem Handeln verknüpft ist. Daraus folgt, dass das Benehmen eine universelle Bedeutung besitzt und nicht ausschließlich von der Kultur des Landes abhängt, aus dem wir stammen. Man verhält sich flegelhaft, wenn es an Erziehung fehlt. Und der Flegel tut sich leicht, wenn er gutes Benehmen einfach nur als altmodisch abtut.
Gutes Benehmen heißt, sich zu entschuldigen, wenn man niest. Und es heißt für das Gegenüber, sich lieber auf die Zunge zu beißen, als „Gesundheit“ zu sagen – denn das tut man nicht. Wir Männer halten uns für attraktiver, wenn wir zur Krawatte mit offener Jacke herumlaufen? Wir glauben, höflich zu sein, wenn wir der Dame an unserer Seite beim Betreten des Restaurants den Vortritt lassen? Und warum setzen wir uns als erster hin und stehen später nicht auf, wenn die Dame von der Toilette zurückkommt? Oft neigt man dazu, schlechtes Benehmen als eine Form von mutigem Antikonformismus zu betrachten und sich mit arrogantem Auftreten zu schmücken, um sich als Hüter des Egalitarismus zu verstehen. Dabei gibt es einen klaren Zusammenhang zwischen guten Manieren und Anstand.
Wir alle wissen, dass Moden vorübergehen, während die Erziehung bleibt. Die Ellenbogen auf dem Tisch waren noch nie in Mode, genauso wenig wie Servietten, die nach dem Essen flugzeugflügelhaft auf den Teller geworfen worden oder der fromme Wunsch nach „gutem Appetit“. Vielleicht liegt es daran, dass ich einen ladinischen Vater und eine deutschsprachige Mutter habe, dass ich immer über die wahre Bedeutung von Wörtern nachdenke. Also: Wenn wir uns im Italienischen mit dem Wort „Salve“ verabschieden, dann sagen wir in Wirklichkeit „vale atque salve“, Lebewohl, einen Gruß, den die alten Römer den Toten mitgaben. Mit „Guten Appetit“ dagegen wünschen wir unseren Tischgenossen, dass sie mehr Appetit haben mögen als nötig. Das ist zwar an sich nicht besonders flegelhaft, aber eben auch kein besonders schöner Wunsch. Das war es nur in vergangenen Zeiten, wenn der padrone es großzügig seinen Untergebenen wünschte, die sich ordentlich an der Großartigkeit seiner Gaben laben durften. Wie auch immer: Unsere Mitarbeiter wünschen unseren Gästen keinen „guten Appetit“.
Ist ein höflicher Mensch besser als die anderen? Nein, das glaube ich nicht. Doch wer sich gut benimmt, öffnet sich dem Nächsten, beweist eine Form des Respekts. Für mich ist ein höflicher Mensch verführerisch. Es sollte eine echte Mission sein, gutes Benehmen denjenigen Menschen beizubringen, die es nie gelernt oder aber wieder vergessen haben. Meine Mutter sprach oft von der Bedeutung der „Kinderstube“. Und da fällt mir die „Ca Zoiosa“ von Vittorino da Feltre im 14. Jahrhundert ein, eigens geschaffen für die Erziehung der sieben Kinder von Gianfrancesco Gonzaga, die der Lehrer dann aber in eine echte Schule verwandelte, in der der Nachwuchs der Aristokraten und der armen Bauern gemeinsam unterrichtet wurde.
Ach, was hat es mich genervt, wenn unsere Mutter uns früher ermahnte, nicht mit vollem Mund zu sprechen, nicht mit dem Besteck herumzuspielen, die Knödel nicht zu schneiden und überhaupt das Messer nicht zu benützen, wenn es nicht nötig war. Wir durften uns nicht mal mit dem Rücken an den Stuhl anlehnen bei Tisch! Und wenn wir nicht aufaßen, gab es Ärger. Noch heute regt sich mein Vater furchtbar auf, wenn Brot weggeworfen wird. Doch inzwischen bin ich Anni und Ernesto zutiefst dankbar: Ihretwegen habe ich nie vergessen, dass man erst zu essen anfängt, wenn die Damen begonnen haben, oder dass es die Gastgeber sind, die durch einen Blick in die Tischrunde zu erkennen geben, wann offiziell begonnen werden kann. Und dass man seinen Teller nicht vor einer Dame oder vor dem Gastgeber leerisst. Ich habe Glück, dass ich weiß, dass man nicht mit dem Besteck auf dem Teller herumklappert. Dass es unerzogen ist, laut zu kauen und zu schlucken. Gutes Benehmen gilt es nicht nur bei besonderen Gelegenheiten zu wahren, sondern auch im täglichen Leben, vor allem bei Tisch.
Ich halte es für extrem unhöflich, auf dem Handy herumzutippen, wenn jemand spricht, oder jemanden nicht zu beachten. Völlig klar auch, dass es höchst unhöflich ist, in der Gegenwart anderer zu telefonieren oder das Telefon bei Tisch klingeln zu lassen. Wie überlebt man den Knigge? Gutes Benehmen ist eine Sache für viele, nicht für wenige, und eine wichtige Voraussetzung für ein besseres Leben. Sie schränkt unseren freien Willen nicht ein und ist kein Zeichen für einengenden Konformismus. Im Gegenteil, gutes Benehmen bekommt etwas Revolutionäres, wenn überall schlechtes Benehmen die anerkannte Regel ist.
Der Erziehungsprozess wird mit der Herausbildung guter Angewohnheiten identifiziert. Ist also letztlich nichts anderes als eine Einladung, neue Wege zu gehen, die Augen aufzuhalten, Wissensdurst zu kultivieren. Wir, die wir Zugang zu entsprechender Erziehung haben, sind privilegiert gegenüber denjenigen, für die das ein fernes Ziel bleibt. Also sollten auch wir damit beginnen, gute Erziehung wieder aufzuwerten. Wenn wir uns das nächste Mal zu Tisch setzen, dann wünschen wir uns „ein schönes Mittagessen“ oder „ein schönes Abendessen“, vielleicht sogar in Begleitung eines freundlichen Lächelns und im Bewusstsein, dass – wie Nelson Mandela geschrieben hat – Erziehung die mächtigste Waffe ist, um die Welt zu verändern.
P.S.: Apropos Erziehung und Welt verändern: Das Buch über zehn Jahre Costa Family Foundation ist erschienen! Es geht um zwei Kontinente, fünf Länder und viele wichtige Schritte auf dem Weg zu Zugang zur Erziehung in der Welt.

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