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Tags:    Gedanken     Stille
 
michil Mittwoch, 1 August 2018

Vom Lärm, der Stille und der Ruhe

Das Rauschen des Wassers, das Heulen des Winds, das Rollen der Steine: Ja, Geräusche sind eine Quelle des Lebens. Doch längst hat uns der ständige Alltagslärm der Zivilisation taub gemacht für den wohltuenden Klang gegenseitiger Rücksichtsnahme.
Vom Lärm, der Stille und der Ruhe
 
 
 
Was mich wirklich wundert und gleichzeitig betrübt, ist dass es mir als Hotelier nicht gelingt, zu vermitteln, wie wichtig diese Botschaft der Ruhe in und um ein Hotel herum ist. Natürlich meine ich nicht absolute Stille, sondern Ruhe, Frieden und Rücksichtnahme.
Ich mag die Stille nicht. Was ich mag, sind Geräusche. Das kräftige Prasseln, mit dem der Wasserfall vom Pisciadù auf den Felsen trifft. Das sanfte Gluckern des Thermalwassers, das nach Jahrzehnten und aus Hunderten Metern Tiefe aus der Erde sprudelt und mich mit Staunen erfüllt. Das Krachen eines Felsabbruchs in den Dolomiten und das Donnern einer Lawine, die alles mitreißt und immer schneller auf das Tal zurast, gänzlich unbekümmert, ob sie damit eine frische Liebe oder jahrhundertealte Kunstwerke zerstört, erschrecken mich und erfüllen mich mit Angst. Das trockene Knacken des Schnees, der sich setzt, während ich den Fuß daraufsetze, macht mir bewusst, dass ich nur ein kleiner, unbedeutender Mensch bin. All diese Geräusche gehören zu mir; sie haben mich geformt, lassen mich teilhaben an der Welt da draußen und dem vibrierenden Leben, das ich in mir spüre. Wenn ich sage, dass ich keine Stille mag, dann ist das wie mit dem Fuchs, der behauptet, keine Trauben zu mögen, weil er sie nicht kennt. Aber ich bin ziemlich sicher, dass mir die totale Stille nicht gefallen würde. Ich fände sie deprimierend, sie würde mich erdrücken, ich fühlte mich eingesperrt und spürte in mir selbst eine viel zu große Leere. Glaube ich jedenfalls, denn mit Sicherheit kann ich es nicht sagen – die totale Stille habe ich bislang noch nicht erlebt. Auch wenn ich mich weit weg von den Menschen aufhalte, hoch oben in den Bergen, ist da immer noch eine Gämse, die nach ihren Jungen ruft, bricht im Wald ein Zweig, und auch in dem alten Haus, in dem wir wohnen, knarzen die Holzboden praktisch ohne Pause. Wahr ist allerdings auch, dass ich mit den Jahren extrem empfindlich gegenüber Geräuschen geworden bin, die vom Menschen erzeugt werden. Die Scooter in der Stadt tun mir in den Ohren weg. Noch schlimmer sind die Motorräder, die die Dolomitenpässe hochröhren. Oder all diese Worte, mit denen die Zerstörung unserer Landschaft gerechtfertigt werden sollen, auch die sind ein harter Schlag für mich. So wie ich es unerträglich finde, wenn Leute mit lauter Stimme telefonieren. Und ist es nicht einfach paradox, wenn uns beim Zugfahren eine Stimme, die uns darauf hinweist, dass wir bitte leise sprechen sollen, aus einem gemütlichen Dämmerschlaf reißt? Meine negative Einstellung zu dieser Art von Lärm hat sich mit den Jahren verstärkt: All diese Pieptöne von Autos, Kühlschränken, Spülmaschinen, Navigatoren und Computern und das extrem nervende Surren der Drohnen stören mich weit mehr als eine Mücke, die um mich herumsirrt.
Was mich wirklich wundert und gleichzeitig betrübt, ist dass es mir als Hotelier nicht gelingt, zu vermitteln, wie wichtig diese Botschaft der Ruhe in und um ein Hotel herum ist. Natürlich meine ich nicht absolutes Stille, sondern Ruhe, Frieden, Rücksichtnahme. Heute früh, als noch morgendlicher Frieden im Hotel regierte, legte unser guter Andrea schon mit dem Rasenmäher los. Gleich darauf brummte der Lastwagen mit dem Gemüse an, und unter großem Lärmen wurden Kisten ausgeladen und auf Transportwägen gestapelt und diese dann mit allerlei Rumpeln, Quietschen und fröhlichem Zurufen quer über den Vorplatz zum Küchenaufzug geschoben. Es war wie auf dem Großmarkt. Andererseits ist auch mein Vater Ernesto schon morgens um acht geräuschvoll unterwegs, sitzt auf seiner 500 Abarth aus dem Jahr 1971, dreht zwei-, dreimal kraftvoll am Gas und röhrt dann davon wie eine russische Sputnik-Rakete. Und wenn ich um 6.30 Uhr ins Hotel komme, fühlt es sich an wie auf dem Flughafen. Unsere Mitarbeiter sind längst auf, die Arbeit bei uns ist schließlich kein Zuckerschlecken; die Jungs und Mädchen stecken voller Energie und das hört man. Ich bitte sie, leiser zu sein, schließlich schlafen viele Gäste noch, ein anderer sitzt sogar schon am Tisch. „Natürlich!“, antworten sie mir. Aber ich weiß, dass es nichts bringt, schon morgen wird es wieder die gleiche Geschichte sein. Und übermorgen auch. Trotzdem gebe ich nicht auf. Sage in der Küche zum xten Mal, die Bestellungen mögen ohne Geschrei aufgerufen werden, und bitte die Mitarbeiter im Restaurant zum hundertsten Mal darum, beim Servieren nicht laut herumzupalavern. Und auch du, berühmter Präsident eines Radsportvereins, würde es dir wohl etwas ausmachen, nur mal eine Minute still zu sein, allein aus Rücksicht auf die anderen Anwesenden, während ich bei der Maratona dles Dolomites meine kurze Begrüßungsrede halte? Und dennoch bin von allen immer nur ich der seltsame Vogel. Für mich ist es einfach unvorstellbar, dass ich im Wartezimmer meines hervorragenden Arztes und Freundes Martin in La Villa einem Radiosender zuhören muss, in dem nur dumm herumgeredet wird, und zwar von Menschen, die schreien, geifern und streiten. Beim Zahnarzt das Gleiche. Noch schlimmer ist es nur in den Gaststätten und in den meisten Bars. Und daher denke ich nicht so oft an die Stille als solche, sondern finde einfach, dass wir alle etwas stiller sein könnten, etwas weniger laut. Als ob unser Lärmerzeugen vor allem ein Trick wäre, damit wir nicht uns selbst zuhören müssen, oder den Menschen um uns herum, den Hilferufen einer kranken Welt. Hier bleibt mir als Notwehraktion nur, den Lärm mit seinen eigenen Waffen zu schlagen – mit noch mehr Lärm! Also setze ich die Kopfhörer auf und gönne mir eine ordentliche Portion Rock, der es in sich hat. Oder ich gehe in ein Konzert. Oder ich hole das Konzert überhaupt gleich zu mir nach Hause. Am 11. August zum Beispiel spielt in Corvara eine großartige Band für uns, die Purple Rain, mit ihren Jazz-Versionen von Stücken von Rock-Ikonen wie Jimi Hendrix und Earth, Wind and Fire. Wir werden jede Menge Spaß haben und laut mitsingen, glücklich und zufrieden. Und wenn die Party vorbei ist, werde ich hoch auf den Berg steigen und dem großen Raubvogel zusehen, der über den Felsen seine Kreise zieht. Und wenn sein Pfeifen ertönt, werde ich verstanden haben: Es ist der Königsadler.

michil
 
 
 
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