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Tags:    Routen     Schönheit
 
michil Freitag, 1 Juni 2018

Der Spritz – ein Witz!

Ob er so beliebt ist, weil er leuchtet wie der Sonnenuntergang?
Der Spritz – ein Witz!
 
 
 
Das Fehlen von Manieren, lautes Herumschreien, der Verzicht auf Danke und Bitte, all das kommt leider ziemlich häufig vor. Und doch...
„Bedienung! Einen Spritz!“, ruft der junge Typ in Richtung Bartresen, noch bevor er sich hingesetzt hat. Dann sucht er sich mit seiner Freundin den Tisch neben mir aus, im Freien vor der Music Bar eines Örtchens, das bereits die Etrusker besuchten, bekanntlich echte Partytiere. Der Spritz wird serviert. „Noch ’n paar Chips“ ordert der Gast bei Stefano, dem erfahrenen Barkeeper. Er scheint direkt aus einem Roman des 19. Jahrhunderts entsprungen, in dem die feinen Herrschaften sich grundsätzlich nicht zu einem Bitte oder Danke gegenüber der Dienerschaft herabließen. Das Fehlen von Manieren, lautes Herumschreien, der Verzicht auf Danke und Bitte, all das kommt leider ziemlich häufig vor. Und doch...
Wahrscheinlich sollte man sich auch gar nicht erst aufregen, nur weil einer einen Spritz bestellt, dieses Getränk, das aus einem Likör gemixt wird, der mit Ape anfängt und mit rol aufhört. Auch, wenn es einem echten Barkeeper mit Sicherheit mehr Vergnügen bereitet, einen klassischen Aperitif zu mixen oder eine Spezialität des Hauses statt dieses Modedrinks, der die ganze Welt mit orangeroten Flecken versieht. Der junge Typ jedenfalls, von dem ich hier berichte, hat sich noch vor seiner Begleiterin hingesetzt, starrt in sein Smartphone, statt seiner Freundin einen Platz anzubieten, doch Stefano lässt sich nicht beirren und lächelt weiterhin – er ist an solches Verhalten gewöhnt. Was dagegen wirklich unglaublich ist: Die großartige Aussicht, die man vom Tisch der beiden jungen Leute hat – sie haben ihr den Rücken zugekehrt! Ich sitze am Tischchen daneben, einen meisterhaft ausgewogenen und perfekt gemixten Martini Dry vor mir, in dem eine dicke Olive aus Lucca schwimmt, die Santa-Caterina-Olive, die diesen speziellen Moment – sollte das überhaupt noch möglich sein – noch kostbarer macht. Es ist allein mein Moment. Denn der Moment meiner beiden Tischnachbarn, nun, er ist ein anderer. Mit ihren Gedanken sind sie weiß Gott wo, aber mit Sicherheit nicht beim Unesco Welterbe Val d’Orcia, das sich hinter ihrem Rücken glanzvoll ausbreitet. Während das Licht des späten Nachmittags die Hügel aufleuchten lässt und ihre sanften Formen zum Glühen bringt, gucken die zwei in Richtung Hauswand. Vielleicht, weil sich ein Stück nackter Fassade umstandsloser kontemplieren lässt als die Gewaltigkeit einer umwerfend schönen Natur. Noch während ich darüber nachdenke, nimmt ein weiteres Paar Platz. Die Szene wiederholt sich: zwei Spritz, Handys in der Hand, die Aussicht im Rücken. Ich will mich nicht von der fehlenden Sensibilität dieser Gäste stören lassen, doch dann betritt eine weitere Gästegruppe die Bühne: Sechs Herrschaften im fortgeschrittenen Alter, und kein einziger scheint die perfekt aufgereihten Zypressen zu bemerken, die majestätische Landschaft dahinter, den zart rosafarbenen Mond, der direkt hinter dem Turm von Radicofani aufgeht. Und ich begreife: Schönheit liegt auch im Auge des Betrachters. Schönheit entspricht der Authentizität des menschlichen Schicksals, einem Schicksal, das von der unabdingbaren Tatsache unserer Freiheit ausgeht.

Die einmalige Sonntagspredigt von Don Luca in dem der Heiligen Katharina von Siena geweihten Kirchlein von Bagno Vignoni bestätigt meine Zweifel: Oft gucken wir, sehen aber nicht. Wenn wir sprechen, hören wir nicht. Oder wir hören, aber in Wirklichkeit hören wir nicht zu. Wie oft passiert es, dass uns nicht bewusst ist, was eigentlich geschieht. Dass wir die schönen Dinge um uns herum nicht bemerken. Ein Sonnenuntergang ist ein immaterielles „Gut“, das mit keinem Geld der Welt zu bezahlen ist. Und doch wird er vielen nicht als Wert erkannt. Und andere sind von herrschenden großen Nichts so abgelenkt, dass sie ihn nicht mal bemerken.

Am nächsten Morgen stehe ich früh auf, verlasse das Hotel und wandere dem Sonnenaufgang entgegen. Leichter Nebel steigt zwischen den Hügeln auf, und auf einmal sehe ich sie oben auf der Hügelkuppe stehen, zwischen den Zypressen und dem alten Bauernhof: zwei Paare, bewegungslos, versunken in die Betrachtung der aufgehenden Sonne. Ich fasse Hoffnung; offenbar gibt es doch noch Menschen, die über ihren Tellerrand hinausgucken, die einen Sinn für die Schönheit haben. Wer weiß, vielleicht sind es sogar die zwei Paare vom Vorabend? Vielleicht habe ich sie vorschnell beurteilt, Opfer meiner eigenen Animositäten? Vielleicht, denke ich, besteht unser Dasein nun mal aus kleinen Momenten, aus Umständen und Augenblicken, und alle rasen an uns vorbei. Dann begegne ich noch einer Gruppe von Wanderern, Menschen im fortgeschrittenen Alter, sie tragen Rucksäcke und ich wünsche ihnen einen guten Tag: Sie sind zu sechst und auf der Via Francigena, dem alten Frankenweg, nach Rom unterwegs. Zu Fuß. Zeitgemäße Pilger. Vielleicht ist es die Gruppe vom Vorabend, die im Barrino saß. Jedenfalls würde ich mir das gerne so vorstellen. Ich hoffe es. Vielleicht hätte ich nicht so schnell urteilen dürfen. Denn eines ist wahr: In unseren Zeiten verorten wir die Schönheit an den Antipoden der Wirklichkeit, mit der wir uns auseinandersetzen müssen. Es lebe also die Schönheit! Die der Menschen, und die der Natur.

michil
 
 
 
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