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Francesco Ricci Montag, 30 April 2018

Alles eine Frage des Blicks

Überflüssiges hinter sich lassen und die Harmonie zwischen Herzschlag und Rhythmus der Natur wiederfinden: die beste Haltung, um in das wohltuende Thermalwasser einzutauchen – und in die geschichtsträchtige Schönheit einer weltweit einzigartigen Region.
Alles eine Frage des Blicks
 
 
 
Einige Frühlingstage im Val d’Orcia zu verbringen tut gut und hilft, in uns selbst jenes Gefühl für die Vergangenheit zu entdecken, das über die reine Postkartenschönheit weit hinausgeht. Denn erst wer seinen Platz in der Geschichte einzunehmen weiß, ist fähig, frei zu wählen und zu handeln.
Auf den richtigen Blick kommt es an. Was versteckt sich wohl hinter der Zypressenallee? Hinter den Silhouetten der berühmten Städtchen auf den Hügelkuppen? Hinter den Dörfern, den Einsiedeleien, den Kornfeldern und Schottersträßchen, hinter Olivenhainen und Weinbergen? Was steckt hinter dem Toskana-Klischee, das uns doch nur die Oberfläche zeigt und uns den Zugang in jede Form von Tiefe verweigert? Das Val d’Orcia ist zweifellos schön. Speziell im Frühling, wenn das Leben, ein einziger Neuanfang, auf wundersame Weise zu explodieren scheint. Bei klarem Himmel fühlt es sich an, als hätte man von hier ganz Italien im Blick. Denn wenn man nach Norden guckt, erkennt man die verschwommenen Gipfel der Berge, die die Toskana von der Emilia trennen (und die es im Zweiten Weltkrieg als „Gotenstellung“ zu traurigem Ruhm gebracht haben). Dreht man sich dann in die entgegengesetzte Richtung, dann liegt ein Licht über der Landschaft, das bereits den ganzen Glanz des Tyrrhenischen Meers spiegelt, und man ahnt die Ebene, durch die der Tiber breit und mächtig bis in die Ewige Stadt Rom strömt. Das Val d’Orcia ist wie ein Schatzkästchen, das eine Vergangenheit in sich birgt, in dem alle immer unterwegs waren: Heere und Pilger, Wanderer und Händler, ganze Völker und Wegelagerer. Edelleute, Ritter und Prinzessinnen, Heilige aller Art, Könige und ihre Königinnen. Aber auch Dichter, Künstler und Architekten kamen hier durch, Schmiede, Schreiner und Drechsler, Bauern und Maler: Alles in diesem Tal ist Geschichte, die nicht vergeht, die jede Scholle tränkt, aus jedem Hügel sprießt. Die sanft in Richtung Unendlichkeit wogt und direkt zum Herzen spricht. Im Val d’Orcia steht alles im Zeichen der Kunst der Vergangenheit. Doch diese Kunst der Vergangenheit, diese Meisterwerke, die von einer unvergesslich schönen Landschaft gerahmt werden, existieren nicht mehr so, wie sie einst geschaffen wurden. Ihre Erhabenheit hat sich aufgelöst, hat Klischeebildern Platz gemacht, die tausendfach durch alle Medien geistern. Aus diesem Grund ist es so wichtig, sich von diesen Klischees zu befreien, die sich immer aufs Neue wiederholen und dabei die Realität durch Banalität ersetzen. Lassen wir also die Klischees hinter uns, bemühen wir uns vielmehr um jene geistige Frische, die es uns erlaubt, uns unvoreingenommen und mit echter Muße einem einzelnen Kapitell zu näheren, ein Fresko zu bewundern, ein mittelalterliches Portal zu inspizieren, eine Madonna, eine mächtige Eiche, einen blühenden Ginsterstrauch oder eine rot leuchtende Mohnblume, die leise in der Morgenbrise tanzt. Es tut so gut, das Auto einfach stehen zu lassen, in die friedliche Stille der Landschaft einzutauchen und den Stimmen aus der Vergangenheit zu lauschen – viel schöner ist das, als motorisiert über die Straßen zu brausen und sich einzureden, auf diese Weise besonders viel mitzubekommen: Pienza, Montalcino, davor schon Radicofani und San Quirico, alles an einem Tag, toll! Was ist daran toll? Dass wir eine Sehenswürdigkeit nach der anderen abhaken, wie auf einer To-Do-List im Büro? Nein, wer wirklich sehen und spüren will, der braucht Zeit. Der muss erst einmal einiges Überflüssiges ablegen und die Harmonie zwischen Herzschlag und Rhythmus der Landschaft wiederentdecken. Denn die Landschaft schlägt im Val d’Orcia den Takt mit wahrer Meisterschaft.
Wahre Wellness ist genau das. Einige Frühlingstage im Val d’Orcia zu verbringen, in die Taufbecken wohltuenden Thermalwassers einzutauchen und dann den Blick voller Interesse auf den Glanz einer geschichtsträchtigen Landschaft zu richten. Das tut uns gut und hilft uns, in uns selbst jenes Gefühl für die Vergangenheit zu entdecken, das über die reine Postkartenschönheit weit hinausgeht. Denn erst wer seinen Platz in der Geschichte einzunehmen weiß, ist fähig, frei zu wählen und zu handeln. Es ist eben alles eine Frage des Blicks. Und das Val d’Orcia verdient es ganz besonders, auf die echteste und ehrlichste Weise „angeblickt“, bewundert und geliebt zu werden. Sprich: unvoreingenommen, aber liebevoll.

Francesco
 
 
 
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