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Themen:     Meinung & Politik (21)  
Tags:    Dolomiten     Ethik     Südtirol     Tourismus
 
Michil Donnerstag, 1 August 2013

Wider die Natur

Was glauben Sie: Sollen wir uns weiter den Oberbossen der lokalen Politik anvertrauen, „weil sie uns Geld geben“, oder sollten wir mutige Entscheidungen treffen?
Wider die Natur
 
 
 
Ich träume von einem Verband, der zu Italienern und Ladinern spricht und der versteht, dass in der Wirtschaft das Gefühl ebenso wichtig ist wie die Zahlen.
Wir Ladiner und Deutsche in Südtirol sind nach dem Ersten Weltkrieg zu Italien gekommen, und nach mühseligen Jahren, in denen unsere Rechte nicht anerkannt wurden und wir unsere Identität zu verteidigen hatten, haben wir schließlich einen Zustand der Harmonie erreicht. Wie mein Freund Massimo Cacciari immer sagt, Harmonie ist nichts Statisches und ist keine Aufteilung, sondern ist die Bewegung von einem zu einem anderen hin, die Lust, sich kennenzulernen. Und doch gibt es den ein oder anderen, der mit der Harmonie noch so seine Schwierigkeiten hat.
Wussten Sie, dass in Südtirol nicht nur Schüler und Fußballspieler, sondern auch wir Hoteliers auf der Basis unserer ethnischen Zugehörigkeit unterteilt werden? Genau, denn der HVG ist ein deutschsprachiger Hotel- und Gastwirteverband und kommuniziert ausschließlich in der Sprache Schillers und Goethes. Obgleich wir gerade unter einer schlimmen Wirtschaftskrise leiden, scheint seine einzige Sorge zu sein, seinen von der SVP gestützten Kandidaten bei den nächsten Provinzialwahlen gewinnen zu lassen - die SVP, versteht sich, ist die Mehrheitspartei, die in unserer Provinz seit über 60 Jahren nach Gutdünken über Leben und Tod entscheidet.
Ich hingegen, als Ladiner und Hotelier, würde lieber von einen freiem Verband repräsentiert als von einem einstimmigen politischen Bund. Schon wahr, ohne die Volkspartei hätte es den Tourismus nicht gegeben, und ohne Touristen wären hier in unseren ladinischen Tälern inzwischen nicht einmal mehr wir Ladiner. Aber ist das wirklich ein Glücksfall für uns, uns reiche Gefangenen des „Südtirol-Systems“?
Um die Berge zu beherrschen, muss man erst seine Bewohner zähmen. Und so war es auch: Im Gadertal wurden Straßentunnel gegraben, jede Menge Geld kam herein, und überall wurde mit der Ausrede der qualitativen Erweiterung gebaut. Die Rechnung zahlt Mutter Erde. Nihil sub sole novi, nichts Neues unter der Sonne. Sollen wir weiter mit gerümpfter Nase essen, oder ist der Moment gekommen, in dem wir auf allen Ebenen gegen die Perversitäten der Politik rebellieren sollten? Glauben Sie nicht, dass es eben der Hotelverband und dass es eben wir Ladiner sind, die in diesem Moment eine kleine Revolution lostreten sollten, das Band zur Parteipolitik lösen und als Ansporn fungieren sollten? Ich spreche natürlich von einer kulturellen Revolution. Finden Sie nicht, dass der Moment für neue, innovative Projekte gekommen ist?
Unsere Politiker machen Salonkultur; ihre Projekte sind nicht besonders zukunftsweisend. Wir hingegen müssen endlich zu denken beginnen wie ein Gebirge, nämlich sehr, sehr langfristig. Überdenken wir die Dolomiten neu, wandeln wir sie in einen großen Naturpark um, in ein echtes Welterbe der Menschheit und nicht nur in einen Marketing-Slogan. Das gilt auch auf kulturellem Niveau: Werten wir die Würde des Volkes auf, das in diesen Bergen lebt. Ein Volk, das man aus Gründen seiner noch gut funktionierenden Wirtschaft respektiert, aber auch für die Sprache, die es spricht. Halten wir den Missbrauch auf, machen wir aus den Dolomitenpässen natürliche Kunst-Galerien, eine perfekte Symbiose zwischen den herrlichen Gipfeln und dem Menschen, der sich gutwillig und respektvoll nähert, schweigend auch. Reduzieren wir den Autoverkehr auf unseren Dolomitenstraßen, oder versuchen wir es wenigstens für ein paar Stunden am Tag. Ernsthaftes Nachdenken über die Folgen, die der Kapitalismus für unsere alte bäuerliche Gesellschaft gehabt hat, tut dringend not.
Vor einiger Zeit herrscht hier oben das Schweigen, das Herz schlug langsam, die Zeiten waren hart. Geld gab es nur wenig, dafür umso mehr Kinder. Dann kamen die ersten Touristen an und gaben uns die Möglichkeit, besser zu leben. Jetzt leben wir sehr gut, zu gut vielleicht, um noch ein Ohr für unser Land zu haben. Das Dröhnen der Autos, die unsere Bergstraßen verstopfen, stört uns nicht, auch nicht die wummernden Bässe in den Hütten und die Staubwolken, die die SUVS auf den omnipräsenten Schotterstraßen aufwirbeln.
Wir stehen an einem Scheideweg: Sollen wir uns weiterhin den „Oberbossen“ der lokalen Politik anvertrauen, „weil sie uns Geld geben“, oder sollen wir mutige Entscheidungen treffen? Als ladinischer Hotelier wäre ich gern Teil einer HVG, der es um echte Zusammenarbeit geht und nicht um servile Mitarbeit, die von innovativen Ideen spricht und nicht von Millionen Übernachtungen, die aufwacht angesichts der Horrorszenen, die sich auch in unseren geliebten Dolomiten abspielen. Ich träume von einem Verband, der zu Italienern und Ladinern spricht und der versteht, dass in der Wirtschaft das Gefühl ebenso wichtig ist wie die Zahlen. Schon aus Respekt vor uns selbst und vor unseren Kindern müssen wir uns Alternativmodelle überlegen.
Halten Sie das für die richtige Entscheidung? Ich frage das nicht als rhetorische Floskel, Ihre Antwort, Ihre Gedanken dazu interessieren mich außerordentlich.Weshalb ich es, liebe Freunde, nicht erwarten kann, schon bald Ihre Kommentare hier unten auf dieser Seite zu lesen.

Michil Costa

 
 
 
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