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michil Sonntag, 1 Oktober 2017

Wer sich mit weniger begnügt, lebt besser

Wir fühlen uns bedroht, weil wir glauben, die anderen könnten uns wegnehmen, was unser ist. Aber tun sind das wirklich? Oder täuschen wir uns, weil wir Angst haben, der Wirklichkeit ins Auge zu blicken?
Wer sich mit weniger begnügt, lebt besser
 
 
 
Glauben wir wirklich, dass die Migranten, die Schwarzen, die Armen dieser Welt ansteckend sind? Dass sie das Schlechte und die Malaria zu uns bringen? Dass die, die von außerhalb kommen, nur in der Lage sind, unsere Sitten, Gebräuche und Denkweisen zu zerstören?
La Perla, Corvara. Eine feine Dame steigt aus dem Taxi, grüßt knapp und sieht sich prüfend um. Aufrecht wie der Turm unseres Sankt-Katherina-Kirchleins steht sie da, souverän, ihr Schritt ist von der Leichtigkeit der Verwöhnten. Sie lässt sich auf ihr Zimmer bringen, begleitet von all unseren Aufmerksamkeiten und Hilfestellungen. Eine halbe Stunde später ist sie wieder unten. Ihr Schritt ist schwer geworden, die Leichtigkeit des guten Lebens verschwunden, ihr Gesicht verdrießlich. „Ich bin von Schwarzen bedroht worden“, (die Damen benutzt einen anderen, sehr viel kräftigeren Ausdruck) „und jetzt habe ich sie auch noch bei mir im Zimmer!“ Wir verstehen erst einmal gar nichts, doch dann klärt sich alles auf, wie der Himmel, der nach einem Gewitter wieder blau wird: Wenn man auf unseren Zimmern das TV einschaltet, dann sieht man als erstes die Präsentation unserer Stiftung, und da sind natürlich jede Menge Schwarze, Tibetaner, Afghanen im Bild. Die Stiftung ist unsere Brücke zur Welt, denn noch glauben wir – wie einst Alexander Langer schrieb, der Südtiroler Friedensaktivist und Grünen-Politiker – an den Bau von Brücken. Abends dann besuche ich die Dame aus Höflichkeit an ihrem Tisch im Restaurant, und siehe da, sieht lässt alles Mögliche gegen Schwarze vom Stapel. Ich höre nicht zu und lasse sie weiter gegen Neger hier und Neger dort schimpfen. Doch mir gehen jede Menge Fragen durch den Kopf – und die Antworten darauf werden immer weniger. Ein neuer Tag beginnt. Wir haben die Schwarzen nicht aus unserem TV entfernt. Die Dame bittet um die Rechnung, obwohl sie eigentlich zwei Wochen bleiben wollte. Wir haben eine Kundin verloren – aber wir werden andere Gäste finden.

Albergo Posta Marcucci, Bagno Vignoni. Ein älteres Paar sitzt vor dem „Barrino“, trinkt etwas und ergötzt sich an der Schönheit des Val d’Orica. Ich stelle mich dazu, um ein wenig mit den beiden zu plaudern. Die Frau – unterstützt vom beifälligen Nicken ihres Mannes – erklärt: „Was mir gefällt, ist dass hier keine zu sehen sind. Auch in Südtirol scheint ihr ja ein paar Probleme mit denen zu haben.“ Erst verstehe ich nicht, was und wen sie meint und denke nicht weiter darüber nach. Dann kommt das Abendessen. Wieder komme ich zum Tisch der beiden Gäste, und sofort schwillt der Frau aufs Neue der Kamm: „Heute habe ich nur einen einzigen gesehen, zum Glück, denn es reicht jetzt wirklich mit diesen Schwarzen (auch diese Damen verwendet einen anderen Ausdruck), die sich hier überall breitmachen.“ Erst jetzt begreife ich! Am nächsten Tag beschließen wir, dass Sekou der Dame den Kaffee servieren wird. Sekou, dessen Vater noch ein Sklave war, hat seine ganze Familie in den Kämpfen verloren, die seit Jahren in Niger toben – sie wurden alle umgebracht. Er ist ohne alles bei uns angekommen, doch obwohl eine unauslöschliche Traurigkeit seine Augen verschleiert, schafft er es zu lächeln und seine großen Hände mit Grazie zu bewegen. Ich atme aus.

Restaurant El Brite de Larieto, Cortina d'Ampezzo. Ein Herr entsetzt sich über eine Bedienung im Ampezzaner „Kostüm“ (als ob unsere Trachten ein „Kostüm“ wären!). Er weiß nicht, dass die 26-jährige Kellnerin, die ursprünglich aus Guinea Bissau stammt, seit einigen Jahren schon in Venetien lebt. Wahrscheinlich weiß er auch nicht, dass sich die Erde um die Sonne dreht. Voller Heuchelei und – man kann es leider nicht anders ausdrücken – echtem, unverfälschtem Rassismus beschwert er sich und schreibt eine Bewertung auf Tripadvisor. „Was mir nicht gefallen hat, war dass die Bedienung eine Schwarze in Ampezzaner Kostüm war.“ Die Restaurantbesitzer wenden sich an die Verantwortlichen des Bewertungsportals und bitten darum, dass der Kommentar gelöscht wird. Klar, auf Tripadvisor findet sich wirklich alles Mögliche, auch Kommentare im Stil von „Die Fontana di Trevi ist wirklich schön, aber man sollte sie auf einem größeren Platz aufbauen.“ Der Kommentar wird irgendwann gelöscht, doch davor ist er bereits um die Welt gegangen, und auch wer ihn geschrieben hat, ist herausgekommen. Glauben wir wirklich, dass die Migranten, die Schwarzen, die Armen dieser Welt ansteckend sind, wie rechte italienische Tageszeitungen uns glauben machen wollen? Glauben wir, dass sie das Schlechte und die Malaria zu uns bringen? Glauben wir tatsächlich, dass diejenigen, die von außerhalb kommen, nur dazu in der Lage sind, unsere Sitten, Gebräuche und Denkweisen zu zerstören? Angesichts all dieser Paranoiker, denen es nicht gelingt, sich mit Energie und positiver Herangehensweise in das brodelnde Leben zu werfen, gehen wir am besten einfach mit einem Lächeln weiter voran, im Bewusstsein, dass wir uns glücklich schätzen dürfen, hier in Europa zu leben. Und was mich betrifft, so stürze ich mich mitten in die Schönheit dieses Lebens und rebelliere weiterhin ohne Angst gegen die Ungerechtigkeiten dieser Welt! Auch weil man – und dass ist eine echte Entdeckung – besser lebt, wenn man sich mit dem begnügt, was reicht zum Leben.

michil costa
 
 
 
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