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Themen:     Haus & LaPerla (80)  
Tags:    Gedanken     Weihnachten
 
Manuel Dienstag, 8 Dezember 2015

Weihnachten mit der Familie

Für Menschen, die in Hotels oder ganz allgemein weit weg von Zuhause arbeiten, trifft die italienische Redewendung, dass man „Weihnachten in der Familie“ feiern solle, nicht unbedingt zu. Ganz im Gegenteil. Weihnachten ist einer der problematischsten Momente des ganzen Arbeitsjahrs.
Weihnachten mit der Familie
 
 
 
"An Weihnachten macht uns das Fehlen unserer Lieben besonders zu schaffen... doch keine Sorgen, der kritische Moment geht gleich vorbei!"
Man spürt die Entfernung stärker als sonst, gerade weil alle Zeichen auf Feststimmung stehen. Hier im Hotel herrscht ein heiter-feierliches Klima; wir geben uns große Mühe, das Haus noch behaglicher, noch gemütlicher herzurichten, und das machen wir mit großer Freude, ganz klar. Allerdings... allerdings habe ich seit dem Jahr 2001 kein einziges Weihnachten mehr bei mir zuhause in St. Ulrich verbracht. Ich habe keine Kinder, das macht es natürlich einfacher. Und mein Zuhause ist auch nicht so furchtbar weit weg. Viel schwieriger ist es für Mitarbeiter, die Hunderte von Kilometern von ihren Frauen, ihren Kindern getrennt sind, das Weihnachts-Heimweh zu ertragen und das Gefühl, diesen besonderen Moment nicht mit der Familie erleben zu können. Ich weiß noch, wie Weihnachten war, als ich klein war. Am wichtigsten war der Heiligabend, der 24. Dezember. Erst dann wurde der Baum geschmückt, und es machte sich dieses herrliche Gefühl der Vorfreude breit. Nicht wie heutzutage, wo die Weihnachts-„Muzak“ schon ab Anfang November dudelt, die ganze Weihnachtsatmosphäre total kommerzialisiert ist und sich alles nur noch um den Konsum dreht. Ich finde nichts Besinnliches in den Werbeplakaten, den TV-Spots, den Massen an völlig identisch aussehenden Weihnachtsmännern in den Straßen und im Fernsehen. Damals gab es bei uns zuhause nur den Adventskranz, jeden Sonntag wurde eine weitere Kerze angezündet, bis zum Sonntag vor dem Heiligen Abend. Und wie schön war der Heilige Abend! Der Baum wurde geschmückt und darunter oder ganz in der Nähe die Krippe aufgebaut, die für uns Grödner – wir sind ein Volk von Holzschnitzern – besonders wichtig ist. Der klassische Zelten, ein klassisches Weihnachtsgebäck aus getrockneten Früchten – dessen Name daher stammt, dass es ihn so „selten“ gibt – wurde bereitgestellt. Dann gab es ein einfaches, nicht zu schweres Abendessen im Familienkreis. Und dann griff mein Vater zur Gitarre und sang mit uns die klassischen Weihnachtslieder. Irgendwann verschwanden wir Kinder dann in unseren Zimmern und durften erst wieder herauskommen, wenn das Glöckchen läutete. Bescherung! Es gab nur wenige, einfache Geschenke – aber sie waren immer etwas Besonderes. Kurz vor Mitternacht ging es dann hinaus, mit den neuen Anziehsachen, und zur Christmette. Einmal, als ich schon größer war, verzog ich mich mit meinen Freunden in den Pub, während die Alten in die Kirche gingen. Es war immer ein ganz besonderer Abend. Der Weihnachtstag war normalerweise der Verwandtschaft gewidmet. Entweder kamen sie zu uns oder wir gingen zu ihnen. Geschenke waren nicht so wichtig, und alles ging ruhig vor sich, auf die immer gleiche, bewährte Weise. Am 6. Januar wurde dann nicht wie sonst in Italien die „Befana“-Hexe gefeiert, sondern die Heiligen Drei Könige. Schon ein paar Tage zuvor zogen die Kinder zu den Dorfhäusern und schrieben mit Kreide die ersten zwei Ziffern der Jahreszahl auf die Tür, dann die Buchstaben C+M+B (Kaspar, Melchior und Balthasar) und schließlich die letzten zwei Ziffern des neuen Jahres. Am 6. Januar wurde schließlich auch der Baum abgeschmückt. Im Hotel haben wir unsere eigene Form von Weihnachten. Wir haben sogar einen Chor und singen am 23. Dezember alle zusammen, danach gibt es ein Glas Wein und ein Stück Panettone. Mit dem gleichen Chor treten wir am Tag danach vor den Gästen auf – es ist der Auftakt zum Heiligen Abend. Die Gäste genießen die festliche Atmosphäre im Kreise ihrer Familien, und manchmal schneit es draußen sogar. Wir hingegen geben bei der Arbeit alles und geben uns gleichzeitig Mühe, diesem Anflug von Melancholie nicht nachzugeben, der uns umweht. Ein bisschen fühlen wir uns wie Seeleute, obwohl wir in den Bergen sind. Und wir können es nicht erwarten, wieder bei unseren Familien vor Anker zu gehen. Um dann bald wieder aufzubrechen, versteht sich.

Manuel Dellago
 
 
 
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