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Franco Brevini Mittwoch, 19 Dezember 2012

Was Michil Costa "pornoalpine Architektur" nennt

Dass in den Alpen in jüngster Zeit eine Reihe avantgardistischer Schutzhütten gebaut worden sind – allen voran die der Aiguille du Gôuter am Mont Blanc – hat eine Diskussion über die architektonischen Eigenarten dieser den Bergsteigern so ans Herz gewachsenen Gebäuden entfacht. Wie sollen sie aussehen?
 
 
„Corriere della Sera“ vom 22.5.2012
Hütten oder Raumschiffe, reflektierende Fassaden und Öko-Bio-Materialien oder Stein und Holz, Tradition oder High-Tech? Die Debatte, zu der auch ich in dieser Zeitung beigetragen habe, riskiert jedoch, sich auf nur einige, isolierte Fälle eines architektonischen Futurismus zu konzentrieren und dabei eine weitaus größere und im gesamten Alpenraum anzutreffende Tendenz zu übersehen: Ich meine den Trend zur Verwandlung von Berghütten in Hotels. Diese drückt sich auf zweierlei Arten aus: Da ist zum einem die Reduzierung – oft sogar Eliminierung – der Mühsal des Aufstiegs zu Fuß, und zum anderen die Steigerung des Komfortgrads der Hütten durch Angebote, wie sie typisch sind für die Hotellerie. In den Dolomiten ist dieses Phänomen dank seiner Orographie, dank Passstraßen sowie Lift- und Seilbahnnetz bereits omnipräsent: Hütten verfügen über Wellness-Bereiche, Hotelzimmer, Kamine mit elektrischem „Feuer“ und Mahlzeiten, die von Sterne-Küche kreiert werden; sie werben mit Hochglanzprodukten um ein Publikum, das an den Bergen als solchen gar nicht besonders interessiert ist. Und das bei seinen Gastgebern – die wir inzwischen mit Fug und Recht als Hochgebirgs-Hoteliers bezeichnen - mit allen möglichen Verkehrsmitteln eintrifft, aber garantiert nicht zu Fuß.
Diese Tendenz ist nicht überall in den Alpen gleich stark. Die Bergamasker Alpen etwa scheinen mir für diese Gefahr relativ immun zu sein – sei es wegen ihrer unzugänglichen Geographie, sei es weil sie nur von wenigen Menschen besucht werden. Doch das ist nicht das Problem. Was zählt, ist dass wir in den Bergamasker Alpen genauso wie im ganzen restlichen Alpenraum klären müssen, was wir eigentlich haben wollen. Ich möchte mich hier keineswegs als drakonischer Komfortverächter verstanden wissen, noch bin ich der Meinung, dass die Berge ein Synonym für Qualen und Askese sein sollten. Doch wir sollten definieren, was eine Schutzhütte eigentlich sein soll: Ein Ausgangspunkt für Gipfeltouren oder ein Hotel für außergewöhnliche Ferien? Das ist keine rhetorische Frage, denn darauf zu antworten, bedeutet sich für einen Stil zu entscheiden, für die Atmosphäre und vor allem auch für die Nutzung eines solchen Gebäudes. Soll man z.B. auf Plasma-TV und Verstärker für die Musikanlage auf der Sonnenterrasse setzen oder lieber auf nachhaltige Lebensmittel aus dem Tal?
Der Umweltschützer und Hotelier Michil Costa aus dem Gadertal hat sich zum Problem unlängst in der Zeitung Alto Adige geäußert und es dabei richtigerweise mit einem anderen, in Südtirol zur Zeit vieldiskutierten Thema verknüpft: Es geht um die Architektur der Berghotels. Auch hier besteht das Dilemma in den disneyartigen Schloss-Bauten voller Türmchen und Erkerchen einerseits und der Nüchternheit andererseits, wie sie die traditionelle Bergarchitektur der Hütten und Stadel vorschreibt. Was Michil Costa eine „pornoalpine“ Architektur nennt, ist der Versuch, die Berge als Unterabteilung der Stadt zu interpretieren. Ein Ort, an dem man auf mehr oder weniger groteske Weise jene Lebensgewohnheiten, Moden und Stile wiederholt, wie sie in der Ebene um sich greifen. Aber wenn wir schon das Tiefland verlassen, um in den Bergen eine Kreativpause einzulegen, dann machen wir das doch, weil uns die Schönheit der Gebirgsnatur anzieht. Eine Schönheit, die sich selbst genug ist, die nicht „verbessert“ werden muss, die uralt und gleichzeitig ewig ist. Es reicht, die Augen und die Lungen zu öffnen. Der Rest kommt von allein.
 
 
 
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