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Paolo Donnerstag, 29 Dezember 2016

Unser Weinkeller? Nicht alle dürfen hinein.

240 Besucher pro Saison: Unser Weinkeller ist eine Kultstätte, in der Wein kein schlichtes Produkt ist, sondern kultureller Ausdruck der Region, aus der er stammt.
Unser Weinkeller? Nicht alle dürfen hinein.
 
 
 
In diesem Weinkeller geht es nicht darum, was er hat und was er kann. Sondern um eine Reise durch eine flüssige Welt aus Materie, Leidenschaft, harter Arbeit und Poesie. All denen gewidmet, die Lebensfreude aus vollem Herzen genießen können.
Es stimmt schon, unser Weinkeller hat Bedeutung. Aber nicht deshalb, weil er so viele Flaschen umfasst – allesamt interessant, viele von allerhöchster Qualität. Auch nicht, weil es hier den berühmten Sassicaia-Tempel gibt oder einen Raum, der ganz der Liebe Michils zum Pinot Nero gewidmet ist. Auch nicht wegen des eigenen Bordeauxkellers und dem Süßwein-Reservat voller Château d’Yqems. Nein, unser Weinkeller ist wichtig wegen dem, was er für uns – die wir hier arbeiten – darstellt. Nämlich dass Wein nicht nur ein Produkt aus Formeln und Wissen ist, dass er nicht aus grenzenloser Technik besteht. Sondern dass er für Leidenschaft steht, für Kultur und Wohlgefühl. Wein ist wie eine flüssige Erzählung – eine Erzählung mit unendlich vielen Kapiteln, die immer weiterführt. Wein ist eine Emotion, die sich je nach Jahreszeit anders anfühlt. Wein ist lebendige Materie für lebendige Menschen. Und da uns die Menschen besonders am Herzen liegen, können wir mit Sicherheit eines sagen: Unser Weinkeller ist nicht für alle da. Er ist nicht für respektlose Menschen gemacht, nicht für ungezogene Rüpel, nicht für arrogante Menschen. Ich sage das mit einem gewissen Besitzerstolz, denn unserem Weinkeller widme ich sehr viel Arbeit. Jede Menge Degustationen, Recherchen, Messen, Weingutbesuche und Winzerbegegnungen stecken meine Kollegen und ich hinein, um den Keller am Laufen zu halten. Wenn ich daher spüre, dass jemand diesen Weinkeller nicht zu würdigen weiß, dann bleibt die Tür zu. Dennoch veranstalten wir jede Menge Führungen. Was nichts anders bedeutet, als dass die große Mehrzahl der Interessenten überaus motiviert ist, und das aus den unterschiedlichsten Gründen. Da gibt es den Neo-Experten, der gerade seinen Sommelier-Kurs absolviert hat. Da gibt es Familien mit Kindern. Neugierige Paare. Und schon legen wir los mit Musik, mit Farbspielen, mit Videos. Denn ein Besuch in unserem Weinkeller steht auch für Spaß, Unterhaltung, Reisen, Erfahrungen. Natürlich gehören auch enge Gänge dazu, Stufen, bei denen man aufpassen muss, niedrige Decken, an denen der Kopf eingezogen werden muss. Doch jedes Mal ist es ein bewegendes Erlebnis. Da gibt es Gäste, die sich total begeistern. Andere, die mit Rührung reagieren, wie eine Dame, nachdem ich ihr vom Marquis Incisa della Rocchetta erzählt hatte. Es ist eine Frage der Sensibilität. Und ich finde es schön, wenn sich die Menschen ein wenig gehen lassen. Natürlich spielt auch die Psychologie eine Rolle, denn so unterschiedlich die Menschen sind, so unterschiedlich sind auch ihre Erwartungen an den Besuch im Keller. Daher ist jeder Weinkellerbesucher eine Geschichte für sich. Und von diesen „Geschichten“ schreiben wir rund 240 pro Saison. Das ist eine ganze Menge. Jede Führung dauert ca. eine halbe Stunde; im Sommer geht es um 19 Uhr los, im Winter um 18.30 Uhr. Mitgehen dürfen nur die Gäste des Hauses sowie die Restaurantgäste der Stüa de Michil. Wir machen nicht viel Werbung bei diesen Führungen, promoten weder das eine noch das andere Etikett, sprechen auch nicht allzu detailliert von Fermentation, Barriques, Reifezeiten und so weiter. Denn in diesem Weinkellerbesuch geht es nicht darum, was er alles hat und was er kann. Sondern um eine Reise durch eine flüssige Welt aus Materie, Leidenschaft, harter Arbeit und Poesie. All denen gewidmet, die Lebensfreude aus vollem Herzen genießen können.

Paolo
 
 
 
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