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Tags:    Dolomiten     Natur     Schönheit     Tourismus
 
Michil Donnerstag, 1 Dezember 2011

Und doch ist alles so schön...

Der starke V6-Motor brüllt wie ein vorzeitlicher Schrottlöwe, bevor wieder Ruhe und Frieden auf den Bergen einkehren. Ein junger Mann mit modisch zerrissenen Jeans und einem mit übergroßen Buchstaben bedruckten Poloshirt steigt aus seinem SUV. Aus dem Kofferraum holt er einen Karton Champagner und übergibt ihn einem Burschen, der ihn ins Haus trägt. Ich sitze auf der Terrasse einer Schutzhütte auf 2000 Metern. Die Erhabenheit des Langkofels lässt mich mit offenen Augen träumen. Ich bestelle die Spezialität des Hauses, Bauern-Omelette mit Südtiroler Speck.
Und doch ist alles so schön...
 
Mit gutem Speck - nicht diesem Fake-Speck, der aus den Niederlanden nur noch zum Räuchern zu uns in die Berge gekarrt wird. Der Kreislauf zwischen qualitativ hochwertiger Landwirtschaft und nachhaltigem Tourismus hat in den Dolomitentälern ziemlich gut Fuß gefasst. Eine junge Frau in typisch ladinischer Tracht und osteuropäischem Akzent serviert mit Anmut und Freundlichkeit. Der ambitionierte junge Mann, Eigentümer von SUV und Schutzhütte, trägt nun eine fein bestickte Lederhose, ein Tirolerhemd und eine Schürze mit der Aufschrift “lustig und ledig”. Mit geübtem Blick kontrolliert er die Tische und begrüßt seine Gäste mit einem Standardlächeln. Es fehlt nicht mehr viel bis Mittag, doch die Tische sind nicht alle besetzt. Der Blick des Wirts ist ernst, heute wird es keine doppelte Schicht geben.

Andererseits ist es noch nicht Winter und somit auch noch nicht Hochsaison. Das goldene Wintergeschäft in den Dolomiten ist eine Erfolgsgeschichte, die seit einem halben Jahrhundert andauert und keine Pausen kennt. Doch man findet in den Dolomiten auch noch unberührte Orte, abseits von Lärm und hektischem Bauen, frei von allen Verdachtsmomenten, von allem Unverständlichem, und diese Orte wird es auch weiterhin geben. Zwar hatte die wirtschaftliche Entwicklung bei uns etwas Unheimliches, doch ohne den Tourismus hätten die Bauern ihre Felder nicht mehr länger bewirtschaftet, die Jungen wären in die Städte abgewandert und die ladinische Sprache hätte nicht überleben können. Heute gibt es die ladinischen Kulturgemeinschaften; sie kümmern sich um Neologismen, Wörterbücher, Publikationen und somit auch um die ladinische Identität. Eine Identität, die vom inzwischen Touristen verlangt und erwartet und von den Ansässigen akzeptiert und verinnerlicht wird.

Wir sind die Protagonisten eines wirtschaftlichen Phänomens und haben das auch der von uns bewirkten starken Entwicklung zu verdanken. Alles begann Ende des 19. Jahrhunderts mit den englischen Bergsteigern im Talkessel von Ampezzo. Es folgten die Olympischen Spiele im Jahre 1956. Die kontinuierliche Entwicklung brachte 50.000 neue Betten im Fassatal, 20.000 im Grödnertal und 17.000 im Gadertal. Die Macht der territorialen Eingliederung hat in unseren Tälern den Grundstein für einen erstaunlichen unternehmerischen Erfolg gelegt. Dank der Integration und dem Aufbau solider Beziehungen zwischen Bauern und Handwerkern einerseits sowie Hoteliers und Gastwirten andererseits war eine Investition auf Produkt- und Prozessebene zur Steigerung der Servicequalität möglich. Das erreichte Resultat sind einzigartige Erfahrung und hervorragende Qualität. Beispiele dafür sind Superski Dolomiti - ein Zusammenschluss von 12 Skigebieten und 1200 km bestens präparierter Pisten - die hohe Bettenkapazität und eine Küche auf höchstem Niveau.

Der Wirt bringt mir einen Schnaps und setzt sich mit an den Tisch. Klar, dass wir erstmal über Rentabilität sprechen, über den Verlauf der Saison. Nach dem dritten Grappa kommt jedoch die andere Seite des Mannes zum Vorschein; wir denken ohne allzu großen nostalgischen Pathos über die schöne Welt von damals nach, die es heute nicht mehr gibt. Wir sind beide davon überzeugt, dass der Arbeitseinsatz von den guten Absichten und dem Wert des Resultats losgelöst werden müsste. Wir sind davon überzeugt, dass eine touristische Monokultur Land und Leute zerstört. Wir müssen eine bessere Welt fordern, müssen uns viel bewusster “Wir Glücklichen” nennen – ja, gerade wir, die wir zur kleinen Gruppe der Superglücklichen auf diesem Planeten gehören. Wir sind nicht modern genug, um dem Humanismus, der in der spirituellen Leere der Postmodernen so dringend nötig wäre, Platz zu verschaffen.

Ich wandere über gepflegte Wiesen zurück und grüße einen Bauern: ein wichtiger Zeuge unserer Bergkultur. Nicht mehr die Ochsen und auch nicht Sense und Rechen sind seine Werkzeuge. Moderne Traktoren, die zu großen Teilen von der Provinz subventioniert werden, helfen ihm im unwegsamen Gelände bei der stets beschwerlichen und anstrengenden Arbeit. Ich bleibe stehen; er erzählt mir von der harten Waldarbeit und von seiner Zufriedenheit über ein neues Projekt, das 2012 starten wird. Die neu gegründete Genossenschaft “WertHolz” wird seinen Wald mieten, ihn bewirtschaften und das Holz verkaufen. In Südtirol gibt es fast 300.000 Hektar Wald, wobei die Hälfte davon nicht bewirtschaftet wird und sich selbst überlassen bleibt.

Wir müssen die Autos von den Dolomitenpässen verbannen. Mit Elektro-Shuttles oder Aufstiegsanlagen ist das durchaus machbar. Sorry, wenn ich mit meinen Ansichten bös aus der Reihe falle, aber letztere sind meiner Meinung nach auch nachts, wenn sie beleuchtet sind, pompöse Stahl- und Glaskomplexe. Was ihre Hässlichkeit betrifft, können sie es leicht mit den Hotels im pseudo-Tiroler Stil aufnehmen, die als Taj Mahal in Miniatur und mit barocken Kuppeln daherkommen. Hotels, die internationale Küche auf Tischen aus afrikanischem Mahagoniholz servieren. “Den Gästen gefällt das,” sagen sie. Ich sage: Jeder hat den Gast, den er verdient.

Wir sind Teil einer Kraftprobe, die längst in vollem Gang ist, und gewinnen oder verlieren dabei für ein Nachher, das es auf jeden Fall geben wird. Dieser Kampf wird lange dauern. Werden die letztlich die Zubetonierer gewinnen, die uns eine florierende Wirtschaft bringen? Werden die Exzesse durch eine ethisch-ketzerische Bewegung eingedämmt, die sich für den alleinigen Messias hält? Oder werden die als Sieger hervorgehen, die an eine Konsolidierung des bisher Erreichten glauben und sich der eigenen Grenzen bewusst sind?
Das Sellamassiv: Mit all seiner wunderbaren Schönheit gebietet es mir als nachsichtigem und unziemlichem Bewohner der Dolomiten nicht nur, mich dafür zu bedanken, dass ich an diesem herrlichen Ort leben darf. Es gebietet mir auch, mich nicht zufriedenzugeben mit dem, was ist, sondern darüber hinauszugehen, zu denken, zu forschen, zu planen.

Im Film "Der Club der toten Dichter" gibt es die Szene, in der einer der Schuljungen nach dem Selbstmord eines Freundes aus dem Haus kommt und einen Satz sagt, der absolut nachvollziehbar ist und der auch mir mit Macht über die Lippen drängt, ohne dass ich etwas dagegen tun könnte: "Und doch ist alles so schön..."
 
 
 
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Kommentare
Mittwoch, 12 Juni 2013 Nadia
 
toller text ... stimme zu ...
ein neues bewusstsein beginnt sich in südtirol auszubreiten, langsam aber sicher beginnen hoffentlich auch wir, das juwel vor unserer tür vollends wahrzunehmen und als leihgabe zu betrachten, mit der man eben achtsam umgehen muss ...
 
 
 
 
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