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Michil Dienstag, 9 April 2013

Traditionelle Schutzhäuser oder moderne Alpin-Resorts?

Atemlos kommen sie aus dem Fitness-Bereich. Sie tragen Bademäntel, auf denen unübersehbar das Logo des Hauses prangt. Ihre Designer-Schlappen hätten Rocky Balbao vor Neid sprachlos gemacht. Gerade haben sie ihre jüngste Spinning-, Running- und Racing-Session auf der Power Cyclette Magnetic Indoor hinter sich gebracht.
Am Nachmittag dann zwei Thai- und Shiatsu-Massagen. Zur Entspannung und zum Durstlöschen geht es auf den Liegestuhl, mit einem feinen Havanna Beach auf der Basis von Blue Curacao und Batida de Coco. Das vitaminreiche Molekular-Abendessen mit Schäumchen und Säftchen ist dann der passende Abschluss eines Tages ganz im Zeichen von Sport und Gesundheit.
 
 
Was der Gast – und nicht der Kunde – wünscht, ist Echtheit, Ehrlichkeit. Er wünscht sich einen Teller Bohnensuppe aus ordentlichen Bohnen und ein Stück Speck, der nicht nach Gummi schmeckt.
Wir sind übrigens nicht in Dubai. Und auch nicht im exklusiven Fitnessclub im 10. Stock des Luxushotels Principe di Savoia in Mailand. Wir sind auf einer Berghütte.
In früheren Zeiten ging man auf eine Hütte, bevor oder nachdem man die raue Bergwelt in Angriff nahm. Heute fährt man bequem mit dem Lift in die Höhe. Und findet dort eine Hütte mit Fitness-Raum vor, mit SPA und einem elektrischen Feuer im Kamin. Und mit einem Restaurant, das in den Gastro-Guides empfohlen wird.
Seit Wochen diskutieren wir darüber, was in den Dolomiten für eine Art von Architektur angewandt und entwickelt werden sollte. Traditionelle Berghütten oder moderne? Als ob das eine Rolle spielte. Was wirklich wichtig ist, ist, dass sie in ihre Umgebung passen, dass sie die Funktion einer Schutzhütte erfüllen und nicht die eines Hochglanz-Fünf-Stern-Hotels jenseits der Baumgrenze. In seinem schönen Artikel über Südtirol kritisierte der Architekt Paolo de Martin vor einiger Zeit all diese Hotels mit ihren kitschigen Türmchen und Erkerchen, diese künstlichen und realitätsfernen Verherrlichungen ohne jeden Bezug zu Geschichte und Kultur. Er kritisierte die dadurch stattfindende Kommerzialisierung der Gebirgstäler, die der pornoalpinen touristischen Monokultur preisgegeben werden. Ich bin ganz seiner Meinung. Auch, was die katastrophale Baugesetzgebung der Provinz betrifft. Wie lässt sich sonst erklären, dass das, was einmal Schutzhütte hieß, heute als komfortables Berghotel daherkommt? All das passiert in den Alpen, es passiert bei uns in den Dolomiten.
Nicht dass die ein oder andere architektonische Provokation nicht auch willkommen wäre. Doch die Bergwelt darf dadurch nicht banalisiert werden. Diskutiert werden muss die Rolle der Schutzhütte im Verhältnis von Mensch und Bergwelt. Werden wir ruhig wieder ein wenig zum Kind, erzählen wir unseren Kindern Märchen, lassen wir uns zum Beispiel von dem wunderbaren Buch über die Dolomiten-Sagen inspirieren, dass das Ladinische Institut Micurà de Rü herausgegeben hat und das Prof. Ulrike Kindl und Nicola Dal Falco geschrieben haben. Perlen der Weisheit und der versteckten Wahrheiten.
Nichts gegen Komfort, nichts gegen Lifte, die auch im Sommer geöffnet sind. Mögen die Hütten auch ruhig moderne Technologien benützen, für eine bequemere und umweltfreundlichere Ausstattung. Ja auch zu Innovation und Zeitgemäßheit. Doch ein absolutes Nein gegenüber der Hinwendung zum Exotischen, gegenüber Hochgebirgs-Casinos und dem, was einige Berg-Gastwirte unter Luxus und Kundenwünschen verstehen.
Was der Gast – und nicht der Kunde – wünscht, ist Echtheit, Ehrlichkeit. Er wünscht sich einen Teller Bohnensuppe aus ordentlichen Bohnen und ein Stück Speck, der nicht nach Gummi schmeckt. Er freut sich über eine Daunendecke auf dem Bett, braucht aber keinen Kneipp-Pfad aus marokkanischen Flusskieseln. Es geht darum, die Ursprünge der Gebirgskultur zu erkennen und neu zu präsentieren. Vergessen wir dagegen mit Stickstoff aufgeschäumte Molekular-Süppchen, die neuesten Tecnogym-Geräte und Superplasma-TVs, vergessen wir auch die Terrasse mit Techno-Musik in einer Lautstärke, die den Gämsen noch in fünf Kilometer Entfernung das Trommelfell platzen lässt. All das ist fake. All das ist Verzerrung der Realität. Denn das wahre Entertainment, die wahre Schönheit sind bereits von der Natur geschaffen worden. Man muss nur Augen und Sinne öffnen. Wir müssen uns weiterentwickel und das anbieten, was wir selbst sind. Auf ehrliche Weise, balanciert und harmonisch. Um nicht zu Sklaven des Tourismus zu werden. Und um eine klare Entscheidung zu treffen: Denn wenn ich als Gast Rimini will, dann gehe ich nach Rimini. Aber wenn ich Berge will, dann möchte ich auch richtige Berge haben. Damit ich die Dolomiten nicht mit der Adriaküste verwechsle.

Michil
 
 
 
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