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Tags:    Dolomiten     Ladinisch     Natur     Sassongher
 
Michil Donnerstag, 1 April 2010

Sumpfig war das Tal...

Uneingeschränkt herrschte die Natur. Unberührt, abweisend und doch voll üppigen Pflanzenwuchs. Eine Schönheit in all ihrer unverfälschten Unzugänglichkeit. Flüsse strömten wie tollwütig talwärts, Mücken quälten die Wildkatzen. Dann kam der Mensch...
Sumpfig war das Tal...
 
Er erklomm die Höhen und jagte die Tiere, die sich aus den schützenden Wäldern herauswagten. Der Mensch lernte in der schönen Jahreszeit Getreide anzubauen und Äpfel. Über Jahrhunderte war er Teil der Natur, passte sich an die Jahreszeiten an, lebte mit den Vibrationen der Erde, dem Herzschlag der Pflanzen und der Tiere. Er machte Land urbar, baute Dämme und sah in der Natur einen Verbündeten. Er fühlte sich als Teil des Ganzen.
Die Römer waren es dann, die mit neuer Technik und mit einer neuen Sprache anrückten. Die neue Sprache, das Ladinische, breitete sich in den Täler aus wie die Menschen, die sie sprachen. Jahrhunderte später überquerten Bajuwaren, Normannen und Slawen die jüngste Gebirgskette Europas, die Alpen. Die einst große Sprache wurde geteilt. Dennoch: sie überlebte.
Der Mensch arbeitete nun, betete und verfluchte die Peronospora-Krankheit und die Reblaus, die größte Katastrophe, die die europäische Landwirtschaft jemals heimgesucht hatte.
Wäre das doch bloß alles gewesen! Es kam schlimmer, bedrohlicher. Nicht einmal die Schönheit der Dolomiten brachte die Kriegskanonen zum Schweigen. Diesmal war der Mensch der Verantwortliche. Er hatte ihn gewollt, den Ersten Weltkrieg. Die gefährlichste Spezies auf diesem Planeten hat Gebirgsstöcke durchbohrt, Häuser in die Luft gesprengt, Leben und Hoffnungen ausgelöscht. Er hat Armut und Hunger ins Land gebracht.
Die Neugier der Geologen und später die der Bergsteiger hat die Dolomiten bekannt gemacht. Die ersten Schlittenlifte zogen furchtlose Skifahrer bergan; in den Häusern wurden erste Gästezimmer vermietet.
Die Kehren der Passstraßen zogen die ersten Autofahrer an und wurden zur Herausforderung für begeisterte Radrennfahrer, Fans von Coppi und Bartali.
Ewig scheinen diese Zeiten zurückzuliegen, und doch liegt nur ungefähr eine Generation zwischen damals und jetzt. Die Dolomitenstraße ist 100 Jahre alt geworden.
Das Gespenst der Armut ist vertrieben; nun kann es weitergehen. Was steht jetzt an? Wir müssen verstehen, dass nun die Zeit des Bewahrens gekommen ist. Dass der Erhalt unserer Sprache wichtig ist. Dass unsere Umwelt nicht nur ein Stück Land ist, sondern der Kern unserer Identität. Dass wir Landschaft delikat formen dürfen und müssen. Eine Arbeit, die den Menschen mit dem Territorium verbindet. Für Gegenwart und Zukunft eines intelligenten Tourismus.
Ich kann den Spuren eines Kaninchens nachgehen und anderen Spuren, die ich nicht kenne. Ich kann gedankenverloren durch die Landschaft laufen, mich mitten in den Schnee setzen. Ich glaube, ich habe eben einen Auerhahn rufen hören. Das Tal, in dem ich lebe, kommt mir heute vor ein gepflegter Park, nicht mehr wie das ursprüngliche Land, das die Menschenhand mit liebevollem Respekt oder mit brutaler Gewalt zu verwandeln hatte.
Es macht nichts, wenn ich heute zu spät zur Arbeit erscheine. Unsere Gedanken und unsere Wünsche sind für uns so wichtig wie die Dolomiten für das Adlerpaar, das in der Mitte der Felswand des Sassongher nistet. Wie mich im Sommer der Anblick eines Bergbauern mit der Sense fasziniert! Welche Lust, mich auf die Erde zu werfen und das Wasser direkt aus ihren Adern zu trinken. Wie herrlich, an einem taufeuchten Morgen barfuß durchs Gras zu laufen und Energie zu tanken. Die Worte scheinen aus jeder Bewegung, aus jedem meiner Schritte herauszuquellen; ich fühle mich wie betrunken. Im Winter scheint die Natur im weißen Schweigen und angesichts der unendlichen Möglichkeiten dieses Lebens immer still zu stehen.
Die Natur weckt den Menschen; die Welt ist in Frieden. Sogar der Mensch scheint gerade mit sich selbst im Reinen zu sein, hier, an einem Ort, der Wahrheit sucht und kennt. Man muss nur richtig hinsehen, die uralten Zeichen erkennen und die neuen Versprechungen.
Ja, heute ist ein wirklich guter Tag und ich spüre, dass ich dazugehöre. Der Winter ist vorbei. Und nach dem Winter beginnt stets ein anderes Leben, denn es ist ein neues Leben. Auch wenn wir es nicht merken: Diese Wiedergeburt ist wichtig. So wichtig wie unser Bedürfnis danach.
 
 
 
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1 Kommentare zu dieser Geschichte
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