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Themen:     Natur & Umwelt (32)    Rücksicht & Rechte (15)  
Tags:    Col Alto     Dolomiten     Natur     Tourismus
 
Michil Montag, 1 Oktober 2012

So denkt der Berg

Meine Mutter wurde vergewaltigt. Es war der letzte Sonntag im September, als ich über den schönen Waldweg wanderte, den besonders ausgesetzten auf der Nordseite des Col Alto. Drei Viertelstunden lief ich so durch die Natur. Sah die Wurzeln der mächtigen Tannen, Adern eines Riesen gleich, über die Scharen von Ausflüglern hinweggetrampelt waren. Die Ausflügler sind die Bestien, die meine Mutter vergewaltigt haben.
So denkt der Berg
 
 
 
Wir müssen die Wahrheit suchen. Denn die Wahrheit ist stets in Einklang mit sich selbst.
Ich verlasse den Wald, sehe den Sassongher auftauchen, mein Gesicht ist finster vor Wut. Sie haben sie verletzt, meine Mutter, doch der schwarze Berg mit seinen Striemen und blauen Flecken hat sie dabei beobachtet. Wurde Zeuge, wie sie meine Mutter beleidigten, indem sie Taschentücher und Butterbrotpapier in die Büsche warfen, Fanta-Dosen und das ausgerenkte Bein einer Plastikpuppe. Ich beobachte fleißige Ameisen, die ihre Behausungen wieder in Ordnung bringen, welche von den Ausflüglern mit einem respektlosen Fußtritt zum Einsturz gebracht worden sind. Dann verlasse ich angeekelt den Wanderweg. Doch das Massaker geht weiter: Hinter einem Baumstamm entdecke ich eine schmutzige Windel, einige aus der Erde gerissene und gedankenlos ins Unterholz geworfene Fliegenpilze – die Täter haben sich längst aus dem Staub gemacht. Feiglinge. Das ist ihre Art, sich den Bergen anzunähern.
Ich liebe es, den Col Alto zu besteigen – solange ich es abseits des Geschreis überbesorgter Eltern tun kann und weit weg von Idioten, die nichts anderes im Sinn haben, als Pflanzen und Tiere gedankenlos ins Jenseits zu befördern. Die Hauptsaison ist vorbei, es klingeln keine Handys mehr, ich muss mir auch keine Gespräche zwischen verzagten Intellektuellen mehr anhören und das mühsame Keuchen von Menschen, die den Sinn für die Süße der Natur verloren haben, für die wahre Nähe zu unserer Erde. Sie, die Erde, ist meine Mutter.
Ein Freund hat mir vor ein paar Tagen einen guten Ratschlag gegeben: „Du musst so denken wie ein Berg.“ Es ist ein Satz von Aldo Leopold, dem Gründer des wissenschaftlichen Umweltschutzes. Was er meint, ist: einen Gang runterschalten. Dem eigenen Rhythmus Zeit geben. Auch die Bewegungslosigkeit, die Langsamkeit als Option betrachten. Echte Werte sind das, doch verlacht von den Meinungsmachern unserer Tage, die uns zu einem größeren Tempo antreiben, als es der Waldpilz, die Jahrhunderte alte Lärche, der Berg, unsere Mutter überhaupt aushalten können.

Ist es die Schuld der Touristen? Bestimmt nicht. Ohne die Gondelbahn hier würde es ja gar keinen Wanderweg geben. Und ohne den Wanderweg wäre ich nicht zum Col Alto aufgestiegen, denn kein Tourist, kein Fremder, kein Ausländer hätte meinem Großvater beigebracht, die Berge zu besteigen. Und mein Großvater meinem Vater. Und dieser mir. Berge zum Liebhaben, die wir einfach nur nützen, um sie zu erklettern und dann wieder herunterzusteigen. Ohne Eroberungsgedanken und ganz ohne Gewalt. Ohne meiner Mutter Leid anzutun.
Rücksichtsvollen Touristen verdanken wir viel. Sie haben unseren Wohlstand begründet – und das nicht nur in wirtschaftlicher Hinsicht. Auch dieses Mal werden wir den Müll einsammeln müssen, den ein paar gedankenlose Deppen am Wegesrand fallen gelassen haben – leere Hüllen, die wir nun anfüllen müssen: mit Herz und Menschlichkeit. Ohne uns zu ärgern, dafür mit einem Lächeln über ihre Dummheit auf den Lippen.
Unsere Täler sind unglaublich schön. An manchen Stellen auch fürchterlich an unsere menschlichen Bedürfnisse angepasst – wir haben das so gewollt. Doch wir wollen uns nicht von der Emotionalität in Versuchung führen lassen, sondern schön logisch bleiben. Die größte Herausforderung heute ist die Kommunikation zwischen uns glücklichen Bewohnern dieser Täler. Ohne den Tourismus wären wir heute vielleicht gar nicht mehr hier. Doch wir haben auch die Touristen, die wir verdienen. Unsere Aufgabe ist es daher, die Touristen an die Hand zu nehmen, sie im Hinblick auf unsere Kultur aufzuklären, ihnen ihre Verantwortung bewusst zu machen, ihnen klar zu machen, dass jeder Mensch seinen eigenen Gang hat, sie „wie einen Berg“ denken zu lassen. Wir sollten uns über ihren Besuch freuen, sie aber auch zu einem sanften Tourismus geleiten: nicht gegen die Liftanlagen sein, sondern sie wertschätzen. Nicht gegen Autos und Motorräder als solche kämpfen, sondern gegen den Wahnsinn, mit dem sie über unsere Dolomitenpässe röhren. Und auch wir selbst, vor allem wir selbst müssen aus der Seilbahn des Fortschrittsdenkens aussteigen, die das zerstörerische Wachstum propagiert, und stattdessen Harmonie und Gleichgewicht suchen. Wir müssen Prioritäten setzen und verstehen, in was es zu investieren gilt und worauf wir verzichten können. Der kulturelle Austausch mit den Touristen führt dazu, dass wir unsere Neubauten besser konzipieren, sie sanft in die Landschaft integrieren; sie lässt uns unsere Landschaft lebenswerter gestalten, in dem wir auf eine nachhaltige Mobilität setzen, die weniger Lärm und weniger Abgase produziert.
Wir müssen die Wahrheit suchen. Denn die Wahrheit ist stets in Einklang mit sich selbst. Und Einklang bedeutet den Versuch, mit allen Menschen unserer globalen Gemeinschaft zu sprechen und die Rechte der Natur anzuerkennen. Im Namen des Auerhahns, des Fliegenpilzes, des schwarzen Berges. Im Namen all jener, denen wir alles verdanken. Im Namen unserer Mutter.
 
 
 
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