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Michil Mittwoch, 1 August 2012

Originale Fälschungen

Das Schlauchboot tanzt auf den Wellen. Kinder spielen im Sand. Eine Schildkröte lässt sich von einer Familie beäugen, die die Nacht im Zelt verbracht hat. Eine ganz besondere Nacht…...Grilldüfte, Gitarrenspiel und jede Menge Abenteuer. Ein Junge lässt für einen Moment seinen iPad sein und schielt zum Horizont: Von Hoffnung und Angst gleichermaßen inspiriert, will er auf keinen Fall einen springenden Delfin oder das Auftauchen einer Hai-Flosse verpassen.
Originale Fälschungen
 
Der Ruf eines exotischen Vogels durchschrillt die Stille, während sich im klaren, warmen Wasser zwei Verliebte küssen. Kein Eispapierchen stört die Sauberkeit des Strandes; alles erstrahlt in perfektem Glanz - ganz so, als sei gerade die Bohnermaschine drüber gegangen. Ein paar andere Touristen sind gerade mit einem Zeppelin in die Luft gegangen und blicken jetzt glücklich auf dieses irdene Paradies, das sich vor ihren Augen auftut: 26 Grad Wärme, 45% Luftfeuchtigkeit, drei oder vier weiße Wölkchen am Himmel, die den Rahmen dieses tropischen Ferienparadieses umreißen. Alles ist perfekt, oder besser: Alles wäre perfekt. Wenn nicht alles so künstlich wäre. Denn genau das ist es: Wir befinden uns in einem genau abgegrenztem Raum von 600 Metern Länge. Und auch wenn der hier ausgeschüttete Sand echt ist, so hat es doch den Strand in Wirklichkeit nie gegeben. Auch das Meer ist künstlich – ein großer Pool mit kontinuierlichem Wasseraustausch. Echt sind die Emotionen, die beim Bungee-Jumping aufbrennen und beim Beach-Volleyball, doch dafür ist der Sternenhimmel falsch; er wurde auf eine Hallendecke aufgepinselt. Echt ist das Fleisch vom Grill, doch die Glut wird elektrisch erzeugt. Es gibt weder Wasser-Scooter noch gefährliche Tiere. Und wir befinden uns nicht in exotischen Gefilden, sondern in der Nähe von Berlin, wo ein Geschäftsmann aus Singapur seinen Traum vom Business verwirklicht hat. Seine Truman-Show des Fremdenverkehrs macht Hunderte „Touristen“ glücklich. Ähnliche Projekte eröffnen jetzt in vielen anderen Orten – es lässt sich ein Haufen Geld damit verdienen.

Ein Freud, der gerade aus Dubai zurückgekehrt ist, hat mir Bilder der berühmtem „Palme“ aus künstlichen Inseln gezeigt, die von Sandstränden umgeben sind, die dort eigens aufgeschüttet wurden. Hunderte von Häusern wurden dort gebaut; eine vierspurige Autobahn führt hin. Bald werden weitere künstliche Archipele errichtet werden, noch größer, noch schöner, während sich die Touristen heute noch mit dem Hotel Atlantis „begnügen“ müssen, in dem große Fische in Käfigen schwimmen, künstliches Meeresrauschen den Soundtrack bildet und Vorhänge aus Glasperlen wie Wasserfälle herabstürzen – ein Märchenland zum Anfassen.
Ein anderer Freund ist in der Türkei gewesen und war Gast in einem gewaltigen Hotel mit Tausenden Zimmern. Lobbys, die Hunderte Quadratmeter groß waren, fünf Aufzüge, zahllose Pools, Geschäfte, Spiele, Entertainment, Cocktails, Konzerte... Fast perfekt sei es gewesen, hat mir der Freund erzählt, nur leider zu heiß. Aber ich bin sicher, dass Techniker und Ingenieure auch das in den Griff bekommen werden und bald schon das örtliche Klima ausschalten können. Berlin hat gezeigt, wo es lang geht.
Mir fällt eine Reise nach Mexiko ein, die ich vor vielen Jahren unternommen habe. Ich war nach Cancun gefahren und hatte alles falsch gemacht. Denn wenn ich ein Stück Mexiko entdecken wollte, dann war Cancun definitiv nicht der richtige Ort dafür. Genauso, wie man Indien nicht in Kerala suchen darf und Thailand nicht in den Tourismus-Dörfern – all das ist eine falsche Kultur für wahre Geschäfte. Das ist die schlichte Wahrheit, wie Emerson sagen würde. Ich will nicht über diejenigen urteilen, die in der Halle in Saudi Arabien skifahren. Aber manche der Destinationen, die für einige Menschen schicke Erholungs- und Relax-Adressen sind, sind mich für grauenvolle Un-Orte. Ohne Sigmund Freud bemühen zu wollen, denke ich an eines meiner Lieblingsgedichte, W. Blake hat es geschrieben: to see a world in a grain of sand, and a heaven in a wild flower. Um die Welt in einem Sandkorn sehen, und den Himmel in einer wilden Blume, halte die Unendlichkeit in deiner flachen Hand, und die Stunde rückt in die Ewigkeit. William, errette uns du! 

P.S. Starke Töne auch aus dem Fassatal: Claus Soraperra und Manuel Riz haben eine geniale Ausstellung mit dem Titel „Vaccanze“ auf die Beine gestellt („Vacanza“ heißt auf Italienisch Ferien, „vacca“ ist die Kuh). Kühe gibt es nicht mehr, doch der beißende Geruch der Tiere, nach Heu und Odel, ist geblieben. Mit dem „Vaccapass“ um den Hals kann man jetzt die Ställe bewundern, die mit knallbunten Schädeln und Hörnern der Kühe tapeziert sind, und mit Bildern von Kühen, die Ski fahren, Spaghetti essen und anderes Provokantes mehr. Darunter auch das Bild eines Sees im Fassatal, der durch die Aufschrift „Vaccanza“ gezeichnet ist. Manuel Riz: „Wir sind uns bewusst, dass es uns heute besser geht als unseren Vorfahren, aber deshalb dürfen wir uns nicht den Luxus erlauben, zu vergessen, wo wir herkommen. Aus diesem Grunde finden wir, wir sollten besser nicht übertreiben. Früher haben wir die Kühe gemolken, jetzt melken wir... die Touristen!“. Mein Beifall gilt den beiden Künstlern; möge ihr Werk uns die Augen öffnen.
 
 
 
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1 Kommentare zu dieser Geschichte
Dolomiten     Natur     Schönheit     Tourismus
 
 
 
Michil Dienstag, 1 Februar 2011
Das ist schliesslich nicht dein Land
 
Die Italiener werden mir meine Worte bestimmt nicht übel nehmen!
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