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Tags:    Alta Badia     Maratona dles Dolomites     Radsport     Südtirol
 
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Francesco Ricci Freitag, 18 Juli 2014

Maratona dles Dolomites

Die Dolomiten öffnen sich wie das Rote Meer und wir, das Volk auf Rädern, 
fahren entschlossen ins verheißene Land. Der Bericht von einem, der es erreicht hat.
Maratona dles Dolomites
 
 
 
“Das Schweigen ist beinahe gespenstisch. Oder magisch. Tausende Radfahrer auf der Straße, und es ist nichts zu hören. Nur das Gleiten der Räder.”
Die Villa im Gadertal. Um sechs Uhr in der Frühe am Start. Die Wolken haben sich über Nacht verflüchtigt. Der Morgen glitzert in einem wunderbaren Licht. Die Kälte beißt wie eine um die Knöchel gerankte Distel. Zehntausende Radfahrer. So viele habe ich noch nie auf einmal gesehen. Darunter die unterschiedlichsten Typen. Sie sprechen alle Sprachen der Welt, scheint es. Babylon by cycle. Sie alle wirken stark, sportlich und gut vorbereitet. Sie haben phantastische Räder in perfektem Zustand. Einige benutzen die App für Herzschlag, Watt, Blutdruck und was sonst noch. In der Luft schwebt etwas Zwanghaftes, Manisches, das nicht greifbar ist. Ich fühle mich allein inmitten diesem Gewirr aus Brustnummern, Beinen, Waden, Tretkurbeln, Lenkstangen, Trinkflaschen, Capes, Brillen, Helmen, Handschuhen, Muffen. Beinahe eingeschüchtert. Oder fehl am Platz. Aber jetzt darf ich nur noch daran denken, in die Pedale zu treten. Sonst nichts. Darf mich nicht darum kümmern, wer doppelt so schnell an mir vorüberzieht. Sinnvoller ist es, den Tausenden von Helfern zu danken, die freiwillig all dies möglich machen. Der perfekten Organisation. Pachamama, die hier eines ihrer schönsten Juwele gezeugt hat: die Dolomiten. 
Ein Schauder ergreift das Peloton. Es geht los. Als würden sich Tausende von Fischen aus einem riesigen Netz befreien. Kein wirklicher Befreiungsschrei, aber ich höre ihn. Er hemmt mich. Die Spannung ist groß, trotz des Alters, des gereiften Bewusstseins, der in einem Leben voller Auf und Ab und kalten Duschen gesammelten Erfahrung. Die Luftbewegung erzeugt einen Wirbel, und ich bin plötzlich mittendrin, ohne es gemerkt zu haben. Ein Wirbel kollektiver Energie saugt mich an, und endlich trete ich los. Die Straße ist von Menschen auf Fahrrädern bedeckt. Die Dolomiten öffnen sich wie das Rote Meer und wir, das Volk auf Rädern, fahren entschlossen ins verheißene Land. Der Pordoi wie der Sinai: zwei prophetische Silben. Ehrfürchtig betrachte ich die Berge um mich. Ich kenne sie gut. Ich habe sie kreuz und quer durchwandert. Als Kind, als Jugendlicher, mit meiner Lebensgefährtin und sogar mit meinen Kindern. Lebensjahre spulen ab wie senkrecht abgerollte Riesenplakate. Ich schaue auf die Straße und stelle mir die Straßen vor, die kommen werden. Ich habe sie kreuz und quer mit dem Rad zurückgelegt, in Jahren, in denen ich mit bedingungslos dem Fahrradgott ergeben hatte. Zeit. Verstreichende Zeit. Zeit, die du in manchen Momenten mit Händen greifen kannst. Mit den Zähnen. Mit den Füßen treten. Ja, in diesem Jahr ist der Marathon der Zeit gewidmet. Ich hätte nicht gedacht, dass der Marathon eine philosophische Seele hat. Die Ladiner kennen sich da besser aus. Sie wissen Bescheid. Sie haben Sankt Augustin eine Brustnummer gegeben, dem Freund von Santaromita. Und eine Pessoa, dem Onkel von Rui Costa. Hier fahren alle gegen die Zeit und geben ihr Letztes, während ich mich in allen Dingen verliere und die Zeit aus einem verschneiten Kanal herauslugen sehe, aus den noch schläfrigen Bergspitzen, und wie sie sich hinter den Gipfeln versteckt, als wollte sie sich über mich, über uns, über alles lustig machen. Und wir sind schon in Corvara. Campolongo ist eher eine Brücke als ein Pass, der dich von hier nach dort bringt. Arabba, Barabbas, wie viele Kreuze gibt es in Südtirol. Der Pordoi. Ein schöner Name. Die Straße wickelt sich um sich selbst, und endlich löst sich die Spannung. Die Kälte ist vergangen, und alle haben den einen Gedanken: Werde ich es schaffen? Werden wir es schaffen? Wohin rasen wir? Die Wiesen sind wie Teppiche an den Berghängen. Wir sollten uns vor solcher Schönheit verbeugen. Sie nicht verunstalten oder in einen albernen Vergnügungspark verwandeln. Wenn die Ladiner die Passstraßen sperren, treffen sie ins Schwarze. Da bin ich sicher. Ich sehe Bartali, der einem jungen, völlig erschöpften Coppi frischen Schnee ins Gesicht reibt. 1940. Giro d’Italia. Der letzte vor dem Krieg. Der junge Domestik erobert den Thron des alten Königs. Im rosa Trikot, das er unerwartet am Abetone „erfahren“ hat und das er nun, am Portoi, zu verlieren droht. Aber statt ihn zu zerquetschen wie einen Floh, motiviert der König ihn, stachelt ihn mit Worten und mit dem Schnee auf. Der Jüngere will aufgeben, der Alte beschimpft ihn aufs Heftigste. Der Junge hält durch und fährt schließlich als Erster durchs Ziel, jüngster Sieger des Giro d’Italia seit allen Zeiten. Und dann der Krieg. Und davor noch ein anderer Krieg. Bei jedem Pedaltritt überlagern sich Zeitschnipsel. Sellajoch, Grödner Joch und nochmals der Campolongo-Pass. Eine Rundtour von grausamer Schönheit. Minen, Löcher und Schützengräben. Durchfall. Aug in Auge mit Gewehrschüssen. Tausende junge Männer, die das Gebirge nie gesehen hatten, sind hier oben begraben. Kälte. Verpflegungsstellen. Radfahrer, die sich abmühen. Explosionen. Gleich dort ist der Col di Lana. So hieß eine Mittelschule, die ein Mädchen besuchte, das mir gefiel. Es wird anstrengend. Aber mehr als Anstrengung ist es die Spannung, die zurückkehrt. . Die mehr als die Waden die Hirnhaut beißt. Bald kommt die Gabelung am Cernadoi, was tun? Zuflucht zur einfachen, mittleren Etappe nehmen oder sich ins offene Meer der langen Strecke stürzen? Los, Frank, auch wenn du als Letzter ankommst, was soll’s? Der Wettkampf ist etwas für die jungen Leute. Oder für jene, die ewige Jugend suchen. Für die Verrückten, die sich dopen, obwohl sie keine Profis sind. Die an Tabellen und Diäten glauben. Ihren Frust auf das Rad projizieren. Also Giau. Ja, mein Lieber, ich komm dich besuchen. Ich verstaue die Gebete in den Trikottaschen und werde sie bei Bedarf eins nach dem anderen hervorholen. Auf einmal löse ich mich von allem. Fühle mich leicht und unbeschwert. Colle Santa Lucia. In der Ferne leuchten legendäre Gipfel. Das Grün der Kiefern ist bewegend. Primäre Bedürfnisse: essen, trinken, an nichts denken. Für mich praktisch unmöglich. Also denke ich im Leerlauf, frei, ungebremst. Und wer denkt jetzt auch ans Bremsen? Der Anstieg ist hart, unerbittlich. Er verbrennt Überflüssiges und entblößt dich. Es hört nie auf. Wir sind ein Gefolge verschwitzter Seelen. In Erschöpfung versunken. Das Schweigen ist beinahe gespenstisch. Oder magisch. Tausende Radfahrer auf der Straße, und es ist nichts zu hören. Nur das Gleiten der Räder. Das Klacken der Schaltung. Die Stille ist Musik. Prosa. Ein Psalm an die ausgesetzte, ausgedehnte Zeit. Wir alle sind in der Schwebe in diesen gesegneten Bergen. Und langsam verändert dich die Anstrengung. Ohne dich zu verklären. Sicher, du meinst, nichts mehr zu spüren, Knochen, Beine, Rücken, Arme, Kopf, Füße. Es geht leicht weiter und die drohenden Wolken kümmern dich nicht. Du fühlst dich undurchlässig gegen den Regenguss, der dich hinter dem Valparolapass und der „Katermauer“ erwischt, die die Veranstalter oberhalb von La Villa/Stern in die Strecke aufgenommen haben. Eine schöne, mehr als einen Kilometer lange Überraschung mit Steigungen bis zu 19 %, aber das macht dir jetzt nichts aus. Endlich Corvara, das Ziel. Plötzlich spürst du etwas nicht klar Definiertes, Transzendentem. Eine Freude, ein Glück, eine Art geistiger Erfüllung, die dich umgibt, und alles gleitet leicht. Der Marathon ist ein Zauber. Ein Ritual, das Hunderte ergreift. Eine Gelegenheit, Die Zeit ist nicht verschwendet, allenfalls erschwitzt. Zeit, die dich nach den Sternen greifen lässt. Die sich im Gedächtnis verankert, mehr als Erinnerung, als reine Emotion. Pur. Marc Augé vertritt die Ansicht, dass aus dem Radfahren ein neuer Humanismus entstehen kann. Nicht ist zutreffender. Giulan (danke auf Ladinisch) Marathon. Giulan für diese mühsame und gleichermaßen berauschende Zeit.

Francesco Ricci

Photo credit: Freddy Planinschek
 
 
 
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