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Themen:     Ereignisse & Festlichkeiten (15)  
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Michil Freitag, 1 August 2014

Immer noch in diesen Schützengräben gefangen

Ein Pistolenschuss in Sarajevo vor 100 Jahren brachte die menschliche und spirituelle Degenerierung der Gesellschaft von damals zu Tage. Doch ist der Erste Weltkrieg wirklich jemals zu Ende gegangen?
Immer noch in diesen Schützengräben gefangen
 
 
 
"Vor 100 Jahren forderte der Erste Weltkrieg Millionen von Tote, und es war kein Krieg, der den Kriegen ein Ende gesetzt hätte. Heute sind über 50 Millionen Menschen auf der Flucht. Noch immer sind wir Gefangene dieser Schützengräben. Und doch dürfen wir nicht den Mut verlieren. Im Gegenteil. Wir müssen – um mit dem großen Francesco von Assisi zu sprechen – „mit Freude gehen“. Und mit einem Lächeln. Und fest umarmt von da oben."
„Nicht viel mehr als ein lästiger Zwischenfall“, wird Franz Josef I. vor einem Jahrhundert gedacht haben. Er regierte seit beinahe 70 Jahren. Sein Bruder war von Revolutionären erschossen worden, sein Sohn Rudolf hatte sich selbst umgebracht und die schöne Sissi war von einem Anarchisten getötet worden. Nun hatte der zwanzigjährige Gavrilo Princip den Thronfolger Franz Ferdinand und seine Frau Sophie ermordet. Mit einer kleinen, begrenzten kriegerischen Auseinandersetzung mag der Kaiser gerechnet haben. Nicht aber mit einem Weltkrieg.
Die wirtschaftliche Entwicklung stand in den Jahren vor 1914 in voller Blüte, und Optimismus war überall mit den Händen zu greifen: Man hörte Radio, amüsierte sich gemeinsam im Kino, die Medizin machte große Fortschritte, der Wind der Erneuerung blies kräftig und unaufhörlich und die Freiheit reiste bereits im Automobil! Es waren die Zeiten der Belle Époque, reine Lebensfreude nach der großen Depression. Es waren die Zeiten des Fortschritts in Technik und Wissenschaft, der Geburt des Kabaretts, des Impressionismus, des Jugendstils und der Avantgarde, einer Werbung, die Euphorie schuf und zur Oberflächlichkeit verführte. Doch der Konsum übertraf die realen Bedürfnisse der Menschen, und weniger wohlhabende Familien begannen, Schulden zu machen. Wie in jeder Gesellschaft, die allein auf dem Konsum aufbaut, gab es Gewinner und Verlierer. In einer Aprilnacht des Jahres 1912 schließlich sank der prächtigste Transatlantik-Dampfer aller Zeiten, die Titanic. Das große Rennen in Richtung Fortschritt kam ins Stolpern und der große Traum der „schönen Zeit“ zerschellte am Eisberg des unendlichen Wohlstands. All die in diesen Jahren voller Exzesse angesammelte Energie suchte ein Ventil. Es war nur der Beginn einer ganzen Reihe von Ereignissen, die schließlich zur„Urkatastrophe“ führte, wie der Historiker George F. Kennan den Ersten Weltkrieg nannte.
Der Frieden jedoch schien von grundlegender Bedeutung zu sein. Natürlich gab es Militaristen, Kriegstreiber, einige Völker im Griff der k.u.k-Macht, die auf ihre Unabhängigkeit hofften. Es gab auch Deutsche, die zur „Weltmacht“ werden wollten und den Krieg als Lösung ihrer innenpolitischen Schwierigkeiten sahen. Auch Churchill und Lloyd George waren keine Pazifisten. Und doch war die vorherrschende Überzeugung eines großen Teils der Politik dieser Zeit, dass der Frieden Priorität haben würde.
Doch die aufgestaute Energie war nunmehr außer Kontrolle geraten. Ein Teil des Klerus’ schrieb an den damaligen Papst Benedikt XV: „Heiliger Vater, wir wollen unseren Frieden nicht.“ Thomas Mann befand den Krieg für „nobel“ und Marinetti und die Futuristen glorifizierten ihn auf poetische Weise als „abschließenden, perfekten Höhepunkt des Fortschritts“. Severini unterstützte den Krieg mit seinen futuristischen Bildern und der Ästhet D’Annunzio mit seinen Betrachtungen. Manche waren auch dagegen, manche hatten verstanden: Dazu gehörten einige Intellektuelle, der Dadaismus mit seinem Konzept der Anti-Kunst und des Bruchs mit dem Konventionellen, viele Politiker. Doch die plötzlich sich ausbreitende Welle des Wahnsinns, ein echtes Pulverfass, explodierte.
Die Kriegsproganda nahm ständig zu, Freiwillige meldeten sich zu den Waffen. Schließlich die Mobilmachung. Man hoffte auf einen Blitzkrieg, doch es wurde ein langer Krieg der Gräuel. Hier bei uns wurden auf den Bergen gekämpft, in den Schützengräben, mit tausenden junger Männer, die sich über Monate hinweg an den Dolomitenwänden festkrallten. Stellungskrieg wurde er genannt – an einem Tag nahm man eine Stellung ein, um sie am nächsten Tag wieder zu verlieren.  Der aus einem hypermodernen Einfall heraus geborene Krieg wurde antimodern, alt, grotesk. Er wurde industriell, und dieses nutzlose Schlachten entwickelte sich zum größten Wahnsinn seit Menschengedenken. 
Vor 100 Jahren forderte der Erste Weltkrieg mehr als 10.000 Tote nur in den Dolomiten, und es war kein Krieg, der den Kriegen ein Ende gesetzt hätte. Heute sind über 50 Millionen Menschen auf der Flucht. Noch immer sind wir Gefangene dieser Schützengräben. Und doch dürfen wir nicht den Mut verlieren. Im Gegenteil. Wir müssen – um mit dem großen Francesco von Assisi zu sprechen – „mit Freude gehen“. Und mit einem Lächeln. Und fest umarmt von da oben.

Michil Costa
 
 
 
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