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Tags:    Gedanken     Sommer
 
michil Donnerstag, 1 Juni 2017

Gerüche

Alles, was uns umgibt, hat seinen Geruch. Wenn er gut ist, zieht er uns an, ist er dagegen schlecht, gehen wir auf Abstand. Gerüche sind auch deshalb wichtig, weil sie viel über uns selbst verraten. Darüber, wie wir das Leben sehen, über unseren Respekt anderen und schließlich auch uns selbst gegenüber.
Gerüche
 
 
 
Ich wache früh auf. Ich mag den Blick aus dem Fenster, wenn die Welt noch schläft. Den ersten Schluck Tee, den Boé, der sich golden verfärbt. Die Spatzen auf dem Fensterbrett, die schon seit einiger Zeit das Lob des Herrn pfeifen. In den Morgenstunden bin ich besonders empfänglich. Ich möchte Dinge riechen, möchte den Tag, der jetzt gerade anfängt, zu dem meinen machen.
Mein Vater klappt die Blechdose auf, die er aus der Hosentasche gezogen hat, und bietet wortlos, aber mit einem breiten Lächeln im Gesicht, eines der schwarzen Körner darin dem Gast an, der hinter ihm steht. Noch bevor dieser es in den Mund stecken kann, reicht Papa Ernesto bereits dem zweiten Gast ein Korn und sagt zum dritten: „Sie schmecken vielleicht etwas bitter, aber dafür sind sie gut für den Hals und verleihen Kraft.“ Als der letzte Gast aus dem Grüppchen – mit Blick auf die Gesichter der anderen – etwas skeptisch dreinschaut, erst an dem schwarzen Etwas schnüffelt, bevor er es in den Mund steckt, vorsichtig darauf herumkaut und es schließlich mit einem ekelerfüllten „puaaah“ wieder ausspuckt, kriegt sich mein Vater vor Lachen gar nicht mehr ein und sagt: „Gut für die Stimme sind sie übrigens auch!“ Was für ein Witzbold er doch ist, Ernesto: die kleinen runden Körner aus seiner Schachtel sind einfach nur Gämsenlosung!
Ich wache früh auf. Ich mag den Blick aus dem Fenster, wenn die Welt noch schläft. Den ersten Schluck Tee, den Boé, der sich golden verfärbt. Die Spatzen auf dem Fensterbrett, die schon seit einiger Zeit das Lob des Herrn pfeifen. In den Morgenstunden bin ich besonders empfänglich. Ich möchte Dinge riechen, möchte den Tag, der jetzt gerade anfängt, zu dem meinen machen. Also ziehe ich mich an, laufe die Treppe runter und öffne die Haustür. Ein frischer, klarer, sauberer Duft umfängt mich. Es ist Sommer, eine leichte Brise hüllt mich mit ihrem zarten Geruch ein. Ich gehe rüber ins Hotel; es ist noch vor sieben Uhr. Doch noch bevor ich die Köche begrüße, noch bevor ich Franco aus Ischia, der bereits seit fünf Uhr früh auf seinem Posten ist, einen guten Morgen wünsche, betrete ich die verbotene Zone, die für alle off-limits ist, das Sancta Sanctorum unserer Barkeeper – den Raum hinter der Bar. Hier, hinter dem Tresen, bereite ich mir mit größter Sorgfalt meinen ersten Espresso zu. Ich schließe die Augen und schnuppere. Es ist mir ein tiefes Bedürfnis, ich bin richtig gierig auf das Aroma des besten Kaffees, den ich jemals zu trinken bekommen habe, den von der Rösterei Jamaica von Gianni Frasi, dem Espresso-Künstler schlechthin. Sobald ich aus diesem kurzen Duftrausch wiederauftauche, beginne ich meine Arbeit. Na gut, meine Arbeit könnte man vielleicht besser als ein Genießen schöner Dinge betrachten, also als ein echtes Privileg. Ich schnuppere den Duft frischer Blumen und dann einen Hauch von feinem Rasierwasser, und weil ich weiß, wer es trägt, brauche ich der zarten Duftspur nur zu folgen, um den Meister des guten Geschmacks bei uns in der Casa zu finden: Stefan – auch er ist schon seit einer guten Stunde zugange. Das Rasierwasser von Mathias ist deutlich kräftiger, ich kann riechen, dass auch er schon seine ersten Runden im Haus gedreht hat. Herrlich ist das Hotelleben! Man fängt Blicke auf, lebt mit den Mitarbeitern, nimmt an den wichtigsten Tagen im Jahr der Gäste teil. Sobald die Zeitungen eingetroffen sind, setze ich mich an die Bar, damit ich die Gäste begrüßen kann, die zum Frühstücksraum unterwegs sind. Ich rieche den Duft der Zahnpasta des ersten Gastes, der vorbeikommt. (Wie soll er da noch seinen Kaffee schmecken können, der Arme?). Ich ziehe der Colgate ja Kaffee und Hörnchen vor. Außerdem vermischt sich jetzt der Geruch von künstlichem Minzaroma mit dem der Spiegeleier, die unsere stets gut gelaunte Köchin Cristina gerade brät. Den Geruch nach Eiern und Speck so früh am Morgen vertrage ich schlecht, und so spaziere ich in den Garten hinaus, zur Zirbe, die ihren wunderbaren würzigen Duft verströmt. Dann gehe ich zum Ladinia rüber, um dort wie immer meinen zweiten köstlichen Kaffee zu genießen, und während ich ihn trinke, betrachte ich das Frühstücksbuffet und atme seine Aromen ein. Einfach, aber ausgesucht gut ist es: Ich beuge mich über die frische Butter mit ihrem feinen Duft, über die Venosta-Marmeladen, das ofenwarme Brot, so köstlich! Doch kaum komme ich ins La Perla zurück, wird es dramatisch: Ich rieche Zwiebeln! Es ist neun Uhr morgens, ich schieße in die Küche und rufe: „Kinder, bun dé, ihr seid großartig, aber morgens möchte ich bitte keine Zwiebeln riechen.“ Dann begegne ich einem lieben Freund und langjährigen Gast und meine zu riechen, dass er bereits auf den Sassongher hochgelaufen ist, und zwar mindestens zweimal! Ein anderer Freund hat mir einmal erzählt: „Wenn Tausende Radfahrer hier unterwegs sind, kann ich das in ganz Val Badia riechen. Wenn ich dagegen auf meine golfenden Freunde warte, ist die Luft schwer von Chanel und Paco Rabanne.“ Was mich betrifft, so benutze ich weder das eine noch das andere, aber mich würde schon mal interessieren, wieso diese atmungsaktiven Trikots eigentlich so stinken! Gerüche – sie wirken anziehend oder abstoßend. Es mag daran liegen, dass ich in dieser Hinsicht besonders empfindlich bin, aber Gerüche fallen mir wirklich überall auf. Zwiebeln, die schon morgens angebraten werden müssen, damit abends eine gute Sauce auf dem Tisch steht, machen mich wahnsinnig. Ich gebe auch zu, dass mir manche Mitmenschen Probleme bereiten, wenn sie mir zu nah auf die Pelle rücken. Und bevor ich mir Wein eingießen lasse, schnuppere ich stets am Glas. Das mag zwar nicht dem Knigge entsprechen, aber ich kann nicht anders. Es ist seltsam, dass uns unser eigener Geruch nicht stört. Ich mag den Duft meiner Zigarre, finde es aber unerträglich, wie unsere Mitarbeiter nach ihrer Zigarettenpause stinken. Es heißt, dass Oscar Wilde einen 20-jährigen Liebhaber ablehnte, weil dieser – wie er einem Freund anvertraute – schlecht roch. Vielleicht war Wilde von anderem angezogen. Und wie muss es überhaupt in den Städten gestunken haben, bevor es Kanalisation gab! Einmal hatten wir einen jungen Mitarbeiter im Büro; es ist lange her, zwanzig Jahre vielleicht. Viel weiß ich nicht mehr viel von ihm, aber eine Sache ist mir unvergesslich geblieben: Der Geruch seiner Füße erinnerte mich an den Puzzone di Moena, diesen großartigen Trentiner Käse, den ich weit mehr schätze als den Schimmelgestank eines Roqueforts. Außerdem vermeide ich, wo es geht, Aufzüge. In der peinlichen erzwungenen Nähe zu anderen Personen fühle ich mich unwohl. Und zu erfahren, dass jemand, der einen halben Meter vor einem steht, mit dem Pesto oder mit den in Knoblauchöl geschwenkten Zucchini übertrieben hat, ist schlicht ein wenig zuviel des Guten. Wenn unser Nachbar, ein Bauer, den Odel auf den Feldern ausbringt, stinkt es auch gewaltig, doch diesen Geruch finde ich nicht schlimm, er gehört für mich einfach zum wahren Leben, einem Leben, das anstrengend und mühsam ist. Ich mag auch den Geruch der alten Schallplatten, wenn ich sie aus ihrer Hülle ziehe. Und wie die Stube in dem alten Haus riecht, in dem ich leben darf. Und vom Duft der Haut des Menschen, den ich liebe, kann ich gar nicht genug bekommen. Und die Rentierlosung, die Ernesto eingesammelt hat, auch die riecht nicht schlecht, es ist ja nur verwandeltes frisches Gras. Oder haben Sie etwa noch nie vom Kopi Luwak Kaffee gehört? Er wird aus Kaffeebohnen gewonnen, die indonesische Schleichkatzen verdaut und wieder ausgeschieden haben. Eine weltberühmte Spezialität! Aber Stefan, nein, bitte nicht, nicht diese wunderschönen weißen Lilien in die Stüa de Michil! Sie riechen einfach viel zu stark!

Wenn ich manchmal sage, dass die Blumen lächeln,
und wenn ich sagte, dass die Flüsse singen, dann nicht, weil ich dächte, dass es in den Blumen Lächeln gibt
und Gesang im Fließen der Flüsse. Sondern weil ich damit die falschen Menschen
die wirklich wahre Existenz der Blumen und Flüsse spüren lasse


Fernando Pessoa, was für ein Dichter! Ja, die Düfte des Lebens haben uns viel zu erzählen. Und wenn Sie das nächste Mal durch die Berge wandern und Ihnen jemand schwarze runde Bonbons anbieten, dann riechen Sie am besten vorher daran...

michil costa
 
 
 
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