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michil Dienstag, 1 August 2017

Feuer und Flamme

Ich kenne die Zerstörungskraft des Feuers, habe sie selbst aus nächster Nähe erlebt. In einem Augenblick löscht es alles aus. Doch deshalb dürfen wir uns nicht geschlagen geben.
Feuer und Flamme
 
 
 
Von Nord bis Süd ist unser "Belpaese” ein einziger, zerstörerischer Brandherd, der schmerzt. Denn mit unseren Wäldern verbrennen auch wir.
Das brennende Italien weckt schreckliche Erinnerungen in mir. Wie sollte ich jemals die Flammen vergessen, die von einer Minute auf die andere – in einer Aprilnacht vor vielen, vielen Jahren – unser Hotel zerstörten. Wie sollte ich das Gesicht meiner Mutter vergessen, die die Tür zu meinem Kinderzimmer aufriss und schrie: „Es brennt, es brennt!“ Wie sollte ich die Stimme meines Vaters vergessen, der mir eine Schachtel in die Hand drückte mit den Worten: „Halte sie gut fest, das ist alles, was wir jetzt noch besitzen.“ Und die dann meine Brüder und mich aufforderte, vom Balkon zu springen. Es waren nur ein paar Meter, und zum Glück lag viel Schnee. So konnten wir uns retten. Ich erinnere mich auch noch, wie die Feuerwehrleute nach den zugeschneiten Hydranten suchten. Wie Rettungswagen an- und abfuhren. An Schreie und Sirenen. Ich sehe noch ganz deutlich die Menschen vor mir, die aus den höheren Stockwerken aus dem Fenster sprangen. Und die zwei Mädchen aus dem 4. Stock, die beschlossen, lieber die Treppe zu nehmen. Und nicht mehr herausfanden aus dem Flammenmeer. Mögen sie in Frieden ruhen. Tausende Hektar Land sind in diesen Wochen in Italien verbrannt. Die lodernden Flammen wecken ein Unbehagen in mir, dass nicht nur rationaler Natur ist. Damals ging ich mit meinem Vater nach ein paar Tagen in unser Hotel zurück, das sich buchstäblich in Rauch aufgelöst hatte. Nichts war mehr da, alles war zerstört. Bis auf die Madonnenstatue in dem Raum, der früher einmal die Hotelhalle gewesen war: Sie war nur angesengt, stand aber noch aufrecht. Heute steht sie im Haus meiner Eltern hinter Glas. Sie ist es, die uns beschützt, die meinen Eltern damals die Kraft geschenkt hat, weiterzumachen, noch einmal ganz von vorne anzufangen. Ohne Geld, denn die Versicherungen haben nie gezahlt. Verdammtes Feuer, mit seiner ungeheuren Zerstörungskraft. Verdammtes Feuer, das gerade unser Italien zerstört. Als ob Erdbeben, Überschwemmungen und Erdrutsche in planlos abgeholzten Geländen nicht reichten. Von Nord bis Süd ist unser „Belpaese“ ein einziger, kontinuierlicher zerstörerischer Brandherd, der wirklich weh tut. Denn zusammen mit den Wäldern verbrennen auch wir, die Bewohner dieses Landes, die wir nunmehr machtlos vor diesem Vernichtungswerk stehen. Wir haben das schönste Land der Welt, wir haben die schönsten Kunstschätze der Welt und sogar die größte Canadair-Flotte der Welt. Die über unsere Regionen fliegt, im vergeblichen Bemühen, die Wunden zu verpflastern, die wir uns als echte Selbstverstümmler selbst zufügen. Denn das Feuer verbrennt auch unsere Lebensweise, äschert unseren Sinn fürs Gemeinwohl ein, lässt unser zivilisiertes Verhalten in einem nicht zivilisierten Land verkohlen. Es gibt Mafia-Brandstifter, Tierzüchter-Brandstifter, Serien-Brandstifter, Jäger-Brandstifter, Schäfer-Brandstifter und solche aus der Forstpolizei – Hunderte von ihnen werden jedes Jahr in unserem Land angezeigt, doch nur 18 landeten auch tatsächlich im Gefängnis. Mit unendlicher Traurigkeit schreibe ich diese Zeilen, denn in jedem verbrannten Hektar Land, in jedem Kilometer zugebauter Küste, in jedem Ort, der von durch bulimische Spekulationsgier geschaffenen hässlichen Peripherien verschandelt wurde, in jedem Akt der Gleichgültigkeit, den wir, die wir dort leben, zulassen – denn jedesmal erlöscht dort nicht nur die Hoffnung auf ein besseres Land, sondern auch die Hoffnung auf ein Land, in dem Normalität und Legalität mehr oder weniger identisch sind.
Wie traurig diese Gedankenlosigkeit ist. Die Passanten sehen nur die Rauchfahne aus dem Kamin und gehen einfach weiter. Sagte jedenfalls Van Gogh. Doch wir sollten Mut fassen, denn nur mit Mut kann man von vorne beginnen. Wie es meine Eltern gemacht haben. Ich erinnere mich gut an diesen Junitag im Jahr 2000: Meine Eltern rufen uns drei Söhne zu sich nach Hause. Papa hat eine Flasche in der Hand, er lässt den Korken knallen und schenkt die Gläser voll. Mit bewegter Stimme sagt er: „Heute haben wir die letzte Rate des Feuers von 1975 bezahlt.“ Bei Null hatten sie damals angefangen und mit überraschender Vitalität wieder ganz von vorne begonnen. Wie viele Menschen müssen auch heute, in den Tagen der Waldbrände, ganz von vorne anfangen und sich wieder neu auf den Weg machen. Und doch lohnt es sich, denn das Leben ist schön, und aufgeben gilt nicht. Auch wenn es manchmal hart erscheint, mühsam und erschöpfend. Aber das Leben sollten wir leben, ohne uns vom Egoismus verbrennen zu lassen. Stattdessen sollten wir selbst lodern – vor Liebe und gemeinsamer Lebensfreude. Unsere Hoffnung heute ist, dass es bald regnen möge. Denn die Erde leidet, und die Olivenbäume in der Toskana.
P.S: Für uns waren es wirklich harte Jahre nach dem Brand. Doch dank einer starken Familie und fantastischer Mitarbeiter haben wir viele schöne Dinge geschaffen. Und wir denken nicht daran, damit aufzuhören. Gerade haben wir unseren kleinen Wein- und Kulinarik-Laden in Bagno Vignoni eröffnet. Papa Ernesto, der guten Wein sehr liebt, hat ihn noch nicht gesehen. Wir erwarten ihn mit einer Flasche in der Hand – so wie er es vor 18 Jahren getan hat.

michil costa
 
 
 
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