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michil Samstag, 1 April 2017

Eingesperrt im Smartphone

Manchmal kriege ich Lust, das Teil zu nehmen und einfach in die Ecke schmeißen. Obwohl ich eigentlich ein freundlicher Mensch bin. Aber wenn ich jemanden sehe – einen Kollegen, einen Freund, den ich länger nicht getroffen habe – der als erstes sein Handy aus der Tasche zieht, um mir darauf etwas zu zeigen, Fotos oder einen Film – dann ist es mit meinem netten Charakter nicht mehr weit her. Und ich gebe zu: Die Handy-Manie nervt mich ganz gewaltig. Vielleicht, weil ich älter werde. Oder vielleicht, weil ich selbst nicht Teil dieser kollektiven Verblödung werden möchte. Es sollte sich also bitte niemand auf den Schlips getreten fühlen, wenn ich ihm das nächste Mal sage: Zeig mir bitte nichts auf deinem Smartphone. Erzähl’ es mir lieber.
Eingesperrt im Smartphone
 
 
 
Für mich ist dieser universale Ritus des permanenten Online-Seins ein elektronisches Gegengift gegen die Angst vor der Einsamkeit.
Wie schön, wenn ein Gast unsere Casa betritt, und nicht das Telefon am Ohr hat. Wie schön, wenn er durch die Gänge poltert, ohne auf ein hypertechnologisches Gerät einzutippen. Wie schön, wenn ich einen Gast an der Bar sehe, der sich nicht über ein Display beugt, sondern sein wahres Gegenüber ansieht, einen Freund, die Freundin oder auch den Barmann hinter dem Tresen. Mein Vorschlag wäre, eine Marziphon-Torte in fairphone-Handy- Form allen zu servieren, die ihr Smartphone nicht auf dem Tisch liegen haben. Diese geliebten Telefone, denen wir viel zu viel Zeit widmen, machen abhängen und – ähnlich wie Drogen – bringen uns nicht annähernd soviel, wie wir glauben. Unser schreckliches Abhängigkeitsverhalten, zu dem wir gezwungen sind, beraubt uns unserer Neugier und der Sensibilität gegenüber anderen Menschen. Aber wir sind nicht einfach nur Säugetiere! Für uns ist es enorm wichtig, mit unseren Mitmenschen in Verbindung zu treten, indem wir uns gegenseitig in die Augen sehen, uns berühren, uns riechen. Ich habe nichts gegen Social Networks, benutze sie selbst. Doch wenn ich da diese totale Form des Verlusts von Selbstkontrolle bemerke, fange ich an nachzudenken. Sehe mich um, fühle mich einsamer als ich in Wirklichkeit bin. Diese unendliche Vervielfältigung der Bilder, diese Abstumpfung gegenüber dem Bild, die dem Menschen zugemutet wird, scheint eine schreckliche Bedingung zu erfordern: sehen ohne wahrzunehmen. Wir glauben, alles zu sehen, ohne aber alles zu wissen. Für mich ist dieser universale Ritus des permanenten Online-Seins, den wir heute erleben, das elektronische Gegengift gegen die Angst vor der Einsamkeit. Ich will hier nicht als Moralist auftreten, aber es ist wirklich so. Auch die Wüste von Gobi ist heute nur noch einen Mausklick weit weg. Doch all das scheint mir eher illusorisch. Wir sind überzeugt, uns an einem Ort zu befinden, an dem wir in Wirklichkeit gar nicht sind. Natürlich wollen wir nicht mehr auf Gepflogenheiten verzichten, die mit Macht in unser Leben eingetreten sind. Doch umso mehr sollten wir in uns selbst die nötigen Grenzen finden. Ich spreche vom Bewusstsein. Ich würde vorschlagen, dass alle, die in den Ferien in die Dolomiten fahren (oder in irgendein anderes UNESCO-Welterbe), den während des Arbeitsjahrs im Inneren angesammelten ungesunden Fortschrittsmüll loswerden und sich bei dieser Detox-Aktion von der Schönheit der Natur um uns herum helfen zu lassen. Das Handy schenkt uns keinen spirituellen Frieden, es raubt uns vielmehr physischen und ästhetischen Anstand. Nie im Leben würde ich mein uraltes 18.-Jh.- Nokia gegen ein neues Modell eintauschen, und zwar nicht, weil ich hier den falschen Revolutionär geben will oder den Vintage-Snob, sondern weil ich schlicht der Überzeugung bin, dass es im Leben nicht darum geht, sich ständig in Blickkontakt mit einem Display zu befinden. Das Leben erneuert sich immer wieder durch den Blick zu anderen Menschen. Und genau darin besteht die therapeutische Funktion der Berge: den künstlichen, durch die ständige Bilderflut entstandenen, ferngesteuerte Rhythmus zu reduzieren und zu minimieren – auch durch Anstrengung, Schweiß und Langsamkeit. Ich würde es auch für eine gute Idee halten, an jedem Ferientag ein, zwei Stunden mit sich alleine zu sein. Denn etwas Einsamkeit steckt in uns allen, und wir sollten sie nicht fürchten. Und sie nicht mit unechten virtuellen Kontakten zubauen. Alleinsein ist ein wertvolles Gut, das wir pflegen und schützen sollten. Zygmunt Bauman sprach von uns als „einer Gruppe einsamer Menschen, die aber ständig miteinander in Verbindung stehen“. Es wird immer schwieriger heutzutage, sich nicht ablenken zu lassen, in Ruhe nachdenken zu können. Meiner Meinung nach können wir im Alleinsein einen besonders kostbaren Zustand erreichen, in dem wir uns wirklich sehen, erforschen, vorstellen können. In dem wir etwas schaffen, nachdenken, träumen und – ganz klar – auch verzweifeln können. In der Einsamkeit kannst du auf neue Ideen kommen, kannst meditieren und neue Kommunikationsimpulse produzieren. Einsamkeit ist eine Vorstufe der Kommunikation zwischen uns und unseren Mitmenschen. Wir wären nichts ohne unser Alleinsein. Wenn du in den Spiegel guckst und darin das Nichts erblickst, weiß du, dass dieses Nichts wie ein Sprungbrett ist. Ein Sprungbrett ins Leben. In dir selbst. Aus dir heraus. Eine tägliche schwingende Schaukel zu anderen Menschen hin. Möchtest du da wirklich noch auf ein bisschen Alleinsein verzichten? Schalten wir das Handy einfach aus. Machen wir einen schönen Spaziergang, jetzt, wo der Frühling sich schon bemerkbar macht, wo frühmorgens die Vögel singen und der Schnee schmilzt. In dir drin und draußen vor der Tür. Über dir. Ich sehe zu unseren Bergen hoch, entdecke immer neue Felszacken, nie gesehene Schatten, Dolomitenspitzen. Ist das alles nicht einfach viel, viel besser als Facebook und anderes Gezwitscher? Und später lass’ uns einander schreiben. Per Mail, vielleicht auch per SMS. Aber bitte nicht per WhatsApp. Das habe ich nämlich nicht.

michil costa
 
 
 
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