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Themen:     Kultur & Tradition (14)  
Tags:    Gedanken     Ladinisch
 
Michil Montag, 1 Juli 2013

Ein echter Ladiner

Bis vor einiger Zeit habe ich mich immer wahnsinnig geärgert, wenn mich jemand gefragt hat, ober ich mich mehr wie ein Italiener oder mehr wie ein Deutscher fühle. Ich fand die Frage schlichtweg dumm, und mein ganzer ladinischer Stolz explodierte heftig. „Ich bin Ladiner!“, antwortete ich dann. „Ladiner und sonst nichts“. Ich hatte eine ganz bestimmte Vorstellung von dem, was ich zu sein glaubte, und davon, was ich zu sein hatte, ein echter Ladiner nämlich, und diese Vorstellung verstellte mir die Sicht darauf, was ich wirklich war.
Ein echter Ladiner
 
 
 
‚ … diese Berge… Als ich jung war, sah ich Hindernisse in ihnen, empfand sie als Orte, in denen „nie etwas passierte“. Heute sind sie mein Tor zur Welt.‘
Mit den Jahren habe ich dann gelernt, mich selbst besser zu erkennen. Damit meine ich nicht, dass ich Einsichten über mich selbst gesammelt hätte, sondern dass ich mich auf mein Gewissen eingelassen habe. Sich selbst zu verstehen ist der Beginn jeder Weisheit: Wenn es nur so einfach wäre! Dass ich unbedingt total ladinisch sein wollte (was für ein Blödsinn!), ein Ladiner von austro-ungarischer Herkunft, machte aus mir ein Individuum mit Vorurteilen, mit einer Ideologie, auf das es sein politisches Handeln stützen konnte, mit nationalistischen Gefühlen. Doch mehr als Individuen sind wir menschliche Wesen. Und die oberste Pflicht eines menschlichen Wesens ist es, in sich selbst hineinzusehen, sich auf sein Innerstes zu konzentrieren, kurz vor dem Erreichen der Raserei innezuhalten, bewusst den eigenen Geist zu interpretieren. Wenn wir uns von jedem Einfluss mitreißen lassen, dann werden wir nie die Schönheit entdecken, die in uns steckt, dann werden wir nie integer und klar sein. Nein, die Idee, ein Secondhand-Mann zu sein, gefällt mir nicht mehr.
Ladiner zu sein bedeutet zweierlei: eine Sprache zu beherrschen und mitten in den Dolomiten zu leben. Es stimmt zwar, dass sich in uns auch die angeborene Spontaneität der südeuropäischen Menschen mit der Ernsthaftigkeit und dem Pflichtbewusstsein der Völker des Nordens verbindet. Es ist kein Zufall, dass die Ladiner von den Kelten abstammen, die zwischen dem Oberrhein und den Donauqellen heimisch waren. Doch was unterscheidet den eingeborenen Ladiner von den Nicht-Ladinern? In den Dingen, die wirklich wichtig sind, sind wir auf großartige, unterschiedliche Weise gleich. Nicht einmal die Freiheit, die Perfektion der Dolomitengipfel wahrzunehmen und zu spüren, wie ihr Anblick in uns etwas ganz Wichtiges auslöst, ist eine Besonderheit der Ladiner. Freiheit ist in der Tat ein Geisteszustand; es bedeutet in Harmonie mit uns selbst und mit unserem Innersten zu sein. In dieser Hinsicht sind wir Ladiner in der Tat durch die unvergleichliche Schönheit dieser Berge im Vorteil, die unseren „Herzverstand“ in Flammen setzen. Als ich jung war, sah ich in den Berge Hindernisse; ich empfand sie als Ort, in denen „nie etwas geschah“.
Wir sind Ladiner, wir sprechen unsere Sprache, die erhalten werden muss, aber wir sind auch alles andere als isoliert, ausgeschlossen, an den Rand gedrängt. Über die Frage „fühlst du dich mehr deutsch oder mehr italienisch“ ärgere ich mich nicht mehr, ich beantworte sie aber auch nicht. Denn zu echten Ladinern und zuvor noch zu Weltbürgern werden wir erst, wenn wir die Mauern in uns selbst niederreißen, uns von unseren Vorurteilen befreien und den Abstand zu Ideologien wahren. Wir werden dazu, sobald wir begriffen haben, dass der tiefestreichende Effekt der Schönheit die Wiederherstellung der Harmonie ist. Und sobald wir in Harmonie sind, sind wir frei. Freie menschliche Wesen.

Michil Costa
 
 
 
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