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Themen:     Meinung & Politik (21)  
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Michil Mittwoch, 1 Juni 2011

Der Tanz der Ziegelsteine mit Reinhold Messner als Solist

Es ist ein heißer Sonntagnachmittag. Noch ist der Moment noch nicht gekommen, in dem man sich dem Val Mezdì nähern oder sich auf Augenhöhe mit dem Piz Boé beschäftigen könnte, der in Luftlinie nur einen Katzensprung vom Gipfel des Sassongher entfernt ist. Eis und Schnee machen den Ansteig noch schwierig. Wo Lärchen und Zirben spärlichem Gesträuch weichen, haben die Gämsen jetzt noch ihre Ruhe. In den nächsten paar Wochen werden sich hier oben noch keine Menschen sehen lassen. Ein Glück, dass auch die Jäger Menschen sind...
Der Tanz der Ziegelsteine mit Reinhold Messner als Solist
 
Wir entschließen uns zu einer Wanderung durch das Tal. Und spazieren an einem Bauernhaus vorbei, das in beherrschender Position über der Ebene liegt. Ein elektrisch-blauer Traktor hat die Ochsen von früher ersetzt. Agrarmaschinen, die wie Monster aus der Prähistorie wirken. Was der Bauer einst mit seinen Pferden erledigte, geht heute viel bequemer von der Hand. Doch auch wenn das Verhältnis zum Alltag heute ein anderes sind, so haben sich doch Sinn und Verstand nicht geändert. Noch immer will und muss der Boden mit Hingabe und Leidenschaft kultiviert werden.
Der Hof: Was einmal ein prächtiges Bauernhaus war, liegt heute verlassen da. Die Fenster sind zerbrochen, die schöne gotische Haustür verfallen. Früher hat man funktionell und angemessen gebaut. Land wurde nicht verschwendet, denn die Felder waren der eigentliche Reichtum. Der Bau-Wahnsinn war noch nicht ausgebrochen.
Ich stelle mir laut spielende Kinder vor, die zwischen Ferkeln und jungen Kälbchen herumtollen, die Ziegern ärgern und den Gänsen nachlaufen. Wenn abends die Männer im Stall die letzten Arbeiten erledigten, versammelten sich Frauen und Kinder in der warmen Stube. Die Familien waren immer kinderreich und es herrschte dauernd Betrieb. Es wurde geflickt und genäht, die Kleinen rissen sich um zerlesene Bilderbücher voller Fettflecken und lernten, den Elementen ihres Alltags Namen zu geben. Wenig später, wenn sie beim Heuen mithelfen würden, würden diese knappen Worte leicht wie Schneeflocken aus ihren Mündern fallen.

Heute aber ist sogar die Katze allein. Gelangweilt kauert sie auf dem Fensterbrett; Unkraut überdeckt die alten Mauern. Solche Plätze, an denen einmal gelebt wurde, muss man beobachten, erforschen, verstehen. Nur dann lässt sich ein Teil seiner Identität wiederherstellen. Ich versuche, den spiritus loci im Kamin zu finden. Ein herber Geruch ist alles, was von diesem Stück soliden Handwerks übrig geblieben ist, in dem früher einige Male im Jahr Brote gebacken wurden. Harte, bäuerliche Köstlichkeiten, die auf dem Tisch der Familien nie fehlen durften. Doch dank des absurden Südtiroler Gesetzes der „Kubaturverschiebung“ wird dieses Haus abgerissen werden, und mit ihm ein Stück Südtiroler Identität an diesem gottgesegnetem Ort.

Wir nähern uns jetzt dem Siedlungsgebiet des Dorfes. Reihenhäuser ohne Stil und ohne Ausdruck. Kalter Stahl und aseptisches, seelenloses Aluminium. Eine Mode-Hund mit rosa Schleifchen auf dem Kopf läuft den Kindern über den gemähten Rasen nach. Ein Zaun aus hellem Holz – ein bisschen wie bei Big Jim, nur größer – trennt Landschaft und Menschen, Leben und Geschichte.

Eine Mutter von drei zappeligen Kindern, die unseren Gesichter wohl die stille Missbilligung abgelesen hat, wirft uns einen sauren Blick zu. Wir erfreuen uns am Anblick eines schönen Balkons an einem Haus, das all dieser Hässlichkeit gegenüber liegt. Er ist linear, elegant und funktionell. Das zugehörige weite Dach besteht aus schönen, unregelmäßigen Schindeln, die vom Wetter gezeichnet sind. Die obere Haushälfte ist mit altem Holz verkleidet, von Millionen Sonnenstunden schwarz gebrannt, vor dem die roten Geranien besonders prachtvoll leuchten. Die gemauerte Hauswand darunter – ungleichmäßig und voller Charme - wird zum Boden hin breiter. Das alte Gemäuer hat eine Stimme – und gibt auf ewig das Gelächter und die Tränen vergangener Generationen wieder. Eine alte Frau hängt hundertfach geflickte Wäsche auf. Als sie uns sieht, grüßt sie.

An dieses alte Haus ist unglückseligerweise neue „Kubatur“ angebaut worden. Ich weiß wirklich nicht, wie ich diese Art Klotz anders bezeichnen sollte. Unzählige Veranden und Verändchen gehören dazu, Fenster und Fensterchen – manche länglich, andere rund, doch alle mit jenen unseligen lachsfarbenen Rollläden versehen, die uns so deutlich unser krankes Verhältnis zu Zeit und Raum vor Augen führen. Von den Türmen der Sagrada Familia in Barcelona bis hin zu den gefakten Wahrheiten von Disney World – buntes Mischmasch ist eine so törichte Form der Synthese. Und dieser „Fortschritt“ ist nun auch in den Gebirgsdörfern angekommen. Ein junger Typ wäscht etwas, dass einem Boliden mit langer Antenne ähnelt. Im Leben muss man Prioritäten setzen.

Auf unserer weiteren Wanderung faszinieren uns andere Bauernhäuser, in denen noch das Leben pulsiert, ihre ordentlich angelegten Gemüsegärten, die Harmonie ihrer Formen. Eine Satellitenschüssel auf einem Dach voller Solarzellen reflektiert unangenehm den Fortschritt – ein Tribut an die Modernität. Dass die Hausbewohner sie für nötig halten, lässt mich leise „schade“ sagen. Ebenso bestürzt uns ein Kasten mit einer zwiebelförmigen Tür; aus dem Dach ragen eine Reihe von Balkons. Als sich ein Fenster öffnet, wird mir alles klar: Es handelt sich um ein Haus für Männer.

Das ist heute unser Südtirol: ein wunderbares Stück Natur mit Orten von unglaublicher Schönheiten, die sich mit ebenso unglaublichen Hässlichkeiten abwechseln. Natürlich gewöhnt man sich daran; man gewöhnt sich an alles. Mit unseren Gedanken sind wir oft so weit weg von allem, dass die „Nicht-Orte“ langsam auch zu unseren Orten werden.
Sogar der ehemalige Umweltschützer Reinhold Messner denkt so. Vor wenigen Wochen hat er wörtlich gesagt: "Dieser Schwätzer Michil Costa wohnt einem Hotel aus Stahlbeton - einem der hässlichsten Bauten in den ganzen Dolomiten". Das italienische Interview können Sie hier nachlesen.
Nennen wir es einfach einen Standpunkt...

Wenn es uns nicht gelingt, ein wenig Schönheit zurückzuerobern, dann wird uns auch die bequeme Garage mit Fernbedienung nicht weiterhelfen. Unsere reiche Provinz hat Straßen, Brücken, Wasserleitungen gebaut, damit es uns gut geht. Doch mit ihrem Größenwahn hat sie den Dörfern ihre Identität genommen, hat überdimensionierte Rathäuser und öffentliche Gebäude hingeklotzt, die nur wenige Tage im Jahr von Leben erfüllt sind, dafür aber eifrig dazu beitragen, die tiefen Wurzeln des gemeinsamen Geschichtsbewusstseins verdorren zu lassen.

Wenn es uns nicht gelingt, all diese Stückchen von Geschichte und Menschlichkeit zusammenzuhalten, an denen der Zahn der Zeit ungefragt nagt und knabbert, dann werden wir uns peu à peu und ganz unbewusst an eine Welt ohne Zauber und Wunder gewöhnen.
Wenn es uns nicht gelingt, die alten Häuser zu erhalten, die Brotöfen, die kleinen Plätze in den Dörfern, die alten Wege, die in Jahrhunderten gewachsenen Lärchen, die Orte des Lebens und der Kultur, dann führt auch die Reise in uns selbst in ein Nichts. Denn dann vergessen wir, wer wir einmal waren; dann verlieren wir unsere Eigenheit. Wir werden unser eigenes Inneres nicht mehr analysieren können. Alles in ein Museum zu verwandeln, wie es mancherorts geschieht, ist auch nicht die richtige Lösung. Auch die Welt in nostalgischer Verklärung zu betrachten, ist falsch. Wir können unserer Heimat, in der sich Geschichte und Arbeit, Natur und Kultur begegnen, nur dann ihre Attraktivität und Faszination bewahren, wenn wir offen und aufnahmefähig agieren. Wenn wir das Leben in den ladinischen Tälern und in unserem Südtirol wirklich verstehen und mittels sehr sanfter Eingriffe mit der Modernität in Einklang bringen. Rudolf Steiner hat es so formuliert: „ Man muss stets in einem geistigen Zustand der Güte handeln“, und genau das müssen wir tun, um die Erinnerung nicht zu verwischen und um glückliche Bedingungen zu schaffen – nicht nur für diejenigen, die bei uns Ferien machen wollen, sondern auch für uns selbst und für unsere eigene Lebensqualität. Reichen wir uns die Händen und machen wir mit einem Lächeln im Gesicht weiter. Denn trotz allem wird es immer ein Lächeln sein, das am Ende die Welt rettet.

Und nun die gute Nachricht: Der TAR (das Regionale Verwaltungsgericht) hat endgültig den Bau der Straße nach Antersasc gestoppt. Wir danken Ihnen für all die Anteilnahme! Es war die Provinz, die diese Straße wollte, und es wollte sie auch ein Freund des Provinz-Chefs und aller Betonmischer, der Geschäftemacher Reinhold Messner. Wirklich traurig.
 
 
 
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