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Michil Dienstag, 1 Februar 2011

Das ist schliesslich nicht dein Land

Es hört sich paradox an, ist es aber nicht: Die Zerstückelung des Nationalparks Stilfserjoch, dessen Zuständigkeiten vom Staat an die lokalen Verwaltungen von Lombardei, Trentin und Bozen übergehen, bedeutet keinen Sieg für das System Südtirol. Ganz im Gegenteil. Hier hat die italienische Methode gewonnen.
Das ist schliesslich nicht dein Land
 
Die Italiener werden mir meine Worte bestimmt nicht übel nehmen, denn sie sind ja die ersten, wenn es darum geht, unser Südtirol zu bewundern: für seine Schönheit und seine hervorragende Lebensqualität, die lässig mit den großen mitteleuropäischen und skandinavischen Demokratien mithalten können. Die Italiener sind auch die ersten, die bei uns den positiven Unterschied zum restlichen Italien spüren und die Südtirol daher für ein echtes Vorbild halten. Doch was geschieht nun? Ganz einfach: Die Südtiroler Volkspartei (SVP), die unsere Region ohne Unterbrechung seit 1945 regiert, hat im italienischen Parlament erreicht, dass der Nationalpark Stilfser Joch in drei Teile zerschlagen wird. Statt wie bisher allein unter der Verwaltung des Landes Südtirol zu stehen, teilen sich die Verantwortung in Zukunft die drei italienischen Länder, auf deren Gebiet der Park liegt: Südtirol, Trentin und Lombardei. Um die Zustimmung Roms zu dieser Neuregelung zu erhalten, hat sich die SVP bei der Vertrauensfrage an Silvio Berlusconi am 14. Dezember 2010 im italienischen Parlament ihrer Stimmen enthalten – und Berlusconi gewinnen lassen. Ein Stimmengeschacher von höchst zweifelhafter Moral.

Ich befürchte nun zum einen, dass am Stilfser Joch mehr oder weniger das Gleiche passieren wird, was wir schon in Antersasc hatten (zur Erinnerung: Hier möchte man durch eines der letzten unberührten Dolomitentäler und entgegen der Bedenken vieler Umweltämter eine Straße bauen): nämlich zementieren, verunstalten, bauen. In anderen Worten: unser Erbe auf den Müll kippen. Ich sage bewusst „unser“, um darin zu erinnern, was mir der Südtiroler Landesvater Luis Durnwalder hinknallte, als wir im Sommer friedlich gegen den sinnlosen Bau der Straße von Antersasc protestierten. „Das sind schließlich nicht deine Wiesen!“. Stimmt, aber es sind auch nicht die vom Durnwalder. Ebensowenig wie die der Spekulanten. Sie gehören uns allen.
Noch etwas anderes verbindet den Fall Nationalpark Stilfser Joch mit dem von Antersasc: die Nicht-Konformität mit den Gesetzen. Es ist kein Zufall, dass das TAR (das Oberste Verwaltungsgericht Italiens) der Aussetzung des Baus der umstrittenen Antersasc-Straße stattgegeben hat und dass jetzt bereits viele Beobachter feststellen, dass die Zergliederung des Nationalparks Stilfserjoch sogar der italienischen Verfassung widerspricht. Denn die unterstellt den Schutz der Umwelt dem Staat und nicht den lokalen Verwaltungen. Insgesamt handelt es sich bei der Zerschlagung des Parks um Machenschaften, die jeder mitteleuropäischen Disziplin entbehren, die nichts von ladinischer Integrität und ebensowenig vom gesunden Menschenverstand der Italiener haben – Eigenschaften, die diesen Park bisher sehr erfolgreich zusammengehalten und geschützt haben. Einen Park übrigens, der mit seinen 135.000 Hektar und 24 Gemeinden der größte Park des gesamten Alpenraums ist – oder vielmehr war.
Denn nun besteht die Gefahr, dass dieses 1935 von Italien geschaffene Naturerbe mit seinen zahlreichen Gletschern und rund 2000 Pflanzenarten, mit seinen Hirschen und Rehen, Murmeltieren und Steinböcken, Königsadlern und Bartgeiern geplündert wird. Das Risiko besteht nicht nur in der Öffnung des Parks für Jäger, was schlimm genug ist, sondern ganz allgemein in einer neuen Politik des „Wachstums“, dem ungebremsten Konsum von Grund, Boden und Natur. Was da so alles passieren kann, haben wir gleich auf der anderen Seite des Stilfser Jochs im Valfurva bei Bormio gesehen, wo die alpine Ski-Weltmeisterschaften 2005 dazu genutzt wurden, dem Land baulich erheblichen Schaden zuzufügen – ein abschreckendes Beispiel.
Sie dürfen übrigens nicht glauben, ich sei der einzige, der da aufmuckt. Gegen die Entscheidung der regionalen Aufteilung des Nationalparks haben sich viele gewichtige Stimmen aus den Natur- und Umweltorganisationen erhoben: Giulia Maria Mozzoni Crespi, Präsidentin des FAI (Fonds für die italienische Umwelt), der Club Alpino Italiano, Legambiente, Italia Nostra, Federparchi, Lipu, Touring Club Italiano, WWF Italia. Selbst Umweltministerin Stefania Prestigiacomo war dagegen – immerhin ein Regierungsmitglied. Nun möchte ich trotz des „Falls Antersasc“ keine Vorurteile gegen unseren Landesvater König Durni hegen, der trotz allem in unserem Land durchweg auch Gutes bewirkt hat. Warten wir also ab, welche Richtlinien befolgt werden und mit welchen Strategie das große Naturerbe des Parks aufgewertet werden wird. Wobei ich selbst durchaus schon ein Modell im Kopf hätte , und zwar das des Parc Naziunal Svizzer (an dem mir nicht nur der rätoromanische Klang gefällt!). Er gilt in ganz Europa als gelungenes Beispiel für den Respekt gegenüber der Natur und der Biodiversität einerseits und für eine hervorragende Verwaltung andererseits. Ich würde mir wünschen, dass die neuen Verantwortlichen des Stilfserjoch-Parks sich erst einmal diesen Schweizer Park ansehen, der in seiner Vollkommenheit alles andere übertrifft. Was mich betrifft, so würde ich mich glücklich schätzen, eine solche Expedition organisieren zu dürfen (und würde natürlich gern auch mitfahren). Vielleicht ergibt sich ja eine fruchtbare Park-Partnerschaft.

Lassen Sie uns gemeinsam unsere Natur, unser Südtirol verteidigen. Wir brauchen echte Menschen dazu, keine Show-Talente voller Eitelkeiten, die dem ein oder anderen zwar gefallen mögen, der Gemeinschaft aber schaden, wenn sie mit unserer Natur Monopoly spielen. Ob Antersacs, der Nationapark Stilfserjoch, die neue Bausünden in Sexten im Pustertal: Diese Wiesen gehören nicht etwa dir, lieber Landeshauptmann!
 
 
 
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