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Paolo Mittwoch, 24 Mai 2017

Auch ein Espresso hat seine Würde

Giamaica ist weniger eine Kaffeerösterei als eine Werkstatt, in der mit traditionellen Methoden der beste Kaffee der Welt produziert wird. Ihr Chef ist ein ehrlicher, geradliniger Mann, der jeden Kompromiss ablehnt.
Auch ein Espresso hat seine Würde
 
 
 
Die Kaffeerösterei wurde vor 100 Jahren gegründet, doch ihr Ziel ist immer das gleiche geblieben: Sie will nichts als echten, authentischen italienischen Espresso herstellen.
Wenn es um Kaffee geht, ist Gianni Frasi nicht nur ein Purist. Er ist ein Extremist. Einer, der keine halben Sachen kennt. Was Kaffee betrifft, gibt es für ihn nur schwarz oder weiß. In anderen Worten: Es gibt Arabica, also Kaffee, und Robusta, was für Gianni Frasi kein Kaffee ist. Nun muss man wissen, dass in die Kategorie des Robusta etwa 90% des gesamten in der Welt getrunkenen Kaffees fällt, wenn nicht sogar noch mehr. Sprich, die große Mehrheit der Menschen trinkt, wenn sie einen Kaffee trinkt, in Wirklichkeit also keinen Kaffee, sondern ein Unterprodukt von Kaffee. Und wenn wir nun überlegen, dass Kaffee zu den fünf einflussreichsten Elementen der Welt gerechnet wird, einflussreicher als Diamanten sogar, dann sollten wir vielleicht einmal mit dem Nachdenken anfangen. Für Gianni Frasi ist alles eine Frage der DNA – nur der Arabica besitzt in seinen Augen das nötige genetische Erbgut, das es braucht, um sich Kaffee nennen zu dürfen. Spätestens jetzt werden Sie sich vermutlich fragen, wer dieser Gianni Frasi eigentlich ist. Nun, dieser Mann betreibt eine kleine Kaffeerösterei in Verona, die den Namen Giamaica trägt, Jamaica auf Deutsch. Sie müssen dazu wissen, dass es auf dieser Karibikinsel nicht nur Reggae, Bob Marley und Usain Bolt gilt. Nein, auf dieser Pirateninsel stehen auch die Blue Mountains, ein heiliger Ort, in dem etwas angepflanzt wird. Nicht, was Sie jetzt denken, wegen Reggae und so! Die Rede ist vielmehr von der gleichnamigen, extrem hochwertigen Kaffeesorte aus 100% Arabica. Die Kaffeerösterei Giamaica gibt es bereits seit 100 Jahren, und stets hat sie das selbe Ziel verfolgt. Ihr einziges, klar formuliertes Ziel ist es, echten authentischen italienischen Espresso in die Tässchen tröpfeln zu lassen. Ebenso wichtig ist aber auch, dass die Rösterei sich für ihre Arbeit sehr, sehr viel Zeit nimmt. Eine einzige Maschine mit dem königlich-kolonialen Namen Victoria, im Übrigen längst vom Markt verschwunden, röstet auf direkter Flamme wenig mehr als 50 Kilo Kaffeebohnen in einer Viertelstunde. Nota bene: Hier geht es noch um Gefühl und Kultur und nicht darum, sich sklavisch und um jeden Preis dem Zwang zur Produktivität zu Die Kaffeerösterei wurde vor 100 Jahren gegründet, doch ihr Ziel ist immer das gleiche geblieben: Sie will nichts als echten, authentischen italienischen Espresso herstellen. unterwerfen. Abends um sieben wird er dann pünktlich zugesperrt, dieser Ort, der weniger als eine Rösterei ist als eine Werkstatt der Düfte, die üppig, berauschend und fast schon explosiv durch die Nase ziehen. Machen wir einen kurzen Spaziergang zurück in die Geschichte: Vor 18 Jahren nahm Michil Kontakt auf zu Gianni, weil er mehr über dessen ganz besonderen Kaffee erfahren wollte. Die beiden trafen sich, berochen sich ein wenig, fanden sich sympathisch, womit man bei Gianni nicht immer rechnen kann – und dann passierte nichts. 18 Jahre lang herrschte Stille, Nebel, Schwebezustand, die Aufhebung von Zeit und Raum oder wie auch immer Sie es nennen möchten. Bis eines Tages bei uns in der Casa wieder der Name Gianni aufpoppte. „Ach ja, los, melden wir uns doch bei ihm, dai, besuchen wir ihn“ und ähnlich Hosiannas kamen von uns allen, von Nicolò, Manuel, Michil und meiner Wenigkeit. Manuel nimmt also Kontakt auf mit Gianni. Dieser will sich nur mit Michil treffen, und nicht über eine dritte Person kommunizieren. Also stellen wir einen kleine Expeditionstrupp zusammen, angeführt natürlich von Kapitän Michil. Und machen uns auf den Weg zur Kaffeerösterei Giamaica. Nach Verona, nicht etwa auf eine Insel mit Palmen, Strand und hübschen Mädchen! Am Ziel angekommen, stehen wir vor einem kleinen Tor mit einem alten, unauffälligen Schild mit der Aufschrift „Torrefazione Caffè Giamaica“. Darunter steht das Wort ‚Geschäftssitz’. In Zeiten wie den unseren, wo die Kommunikation gerne aus LEDs, Laserstrahlen und 3D-Hologrammen besteht, ist ein Schild wie dieses reinste Poesie. Und verrät über Gianni bereits eine Menge. Übrigens brauchen Sie gar nicht erst zu versuchen, die Kaffeerösterei im Internet zu finden. Sie existiert da nicht. Eine andere Welt, eine andere Geschichte, eine andere Dimension. Wir also rein. Der Händedruck zwischen Gianni und Michil gehört zu den sogenannten sprichwörtlichen. „Lieber Michil, also hast du 18 Jahre gebraucht, um zu begreifen, was guter Kaffee ist!“ Und schon tauchen wir tief in eine Parallelwelt ein, begleitet von Sätzen irgendwo zwischen Metaphysik, Philosophie und Poesie, die Gianni mit sparsamer Theatralik vor uns ausbreitet. So also ist es dazu gekommen, dass sie den guten Kaffee von Gianni Frasi jetzt an der Bar bei uns in der Casa trinken können, in der Stüa de Michil, im Ladinia und auch im Posta Marcucci – und zwar in der Qualität Monoarabica Chickmagalùr Karnataka. Ein Grund mehr, uns bald wieder zu besuchen, stimmt’s?

Paolo
 
 
 
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