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michil Freitag, 1 Dezember 2017

Gestern Grand Hotels, heute große Hotels

Die „Fliegerin“ war in den ruhmreichen 1920er Jahren Symbol für Freiheit und Unabhängigkeit.
Gestern Grand Hotels, heute große Hotels
 
 
 
Wie konnte es passieren, dass wir von Grand Hotels zu großen, überdimensionierten Massen-Hotels abgestiegen sind? Ist das wirklich der Tourismus, den wir wollen? Kann es sein, dass wir uns nur im "Makro" nicht "Mikro" fühlen?
Es ist wie eine Zeitreise. Ich steige in einem Hotel aus den 1920er Jahren ab, einem dieser faszinierenden Paläste, in denen sich die Lebensgeschichte von Menschen kreuzten, in denen Liebesgeschichten begannen, in denen die feine Gesellschaft, die sich überbordenden Luxus leisten konnte, die noch feinere Gesellschaft nachäffte. Monsieur Cesar Ritz war der erste, der die Idee der Luxus-Hotellerie zu Geld machte. Und so entstanden auch in Italien – und zwar im unverwechselbaren Look des Jugendstils mit Chini-Fenstern – die Grand-Hotels von Rimini, Sorrent und Santa Margherita Ligure, von Venedig und Rom oder auch die Villa d’Este. Noch heute sind es phantastische Paläste, die zwischen den Hässlichkeiten des modernen Städtebaus aufglänzen. Und so bin ich heute in Montecatini, in den Tettuccio-Thermen. Eine halbkreisförmige Wunderwelt! In den 1920er Jahren wurden die Thermen ganz im Stil römischer Thermen neu gemacht. Mich empfangen Statuen, welche die Quelle, die Medizin, die Hygiene und die Gesundheit darstellen. Das Hauptelement jedoch ist die Heilquelle selbst, umgeben von mehreren Darstellungen, die den Besucher zum Genuss des wohltuenden Wassers einladen. Und ich stelle mir die Damen der damaligen Zeit vor, wie sie unter ihren Charlestonhütchen, mit schwarz geschminkten Lidern und dunkelroten Lippen untereinander diskutierten, welche Hautcreme die beste wäre und war für eine grandiose Erfindung doch der lose Puder sei, und wie sie zwischendrin einen Schluck des wunderwirkenden Wassers nahmen. Damals kämpften sie ja gerade erfolgreich um ihre Emanzipation. Es ist kein Zufall, dass noch Jahre danach die „Fliegerin“ Symbol für Freiheit und Unabhängigkeit war.
Ich wurde nach Montecatini eingeladen, um über den Tourismus zu sprechen. Auf dem Tisch steht ein Fläschchen mit Wasser aus dem fernen Brescia, daneben ein deprimierender Plastikbecher. „Entschuldigen Sie bitte, könnte ich nicht vielleicht etwas Wasser aus Montecatini haben?“
Seltsam – denke ich bei mir – dass Montecatini, einer der faszinierendsten Orte, die ich kenne, nicht an sich selbst glaubt. 200 Hotels haben sie hier bis heute gebaut, doch viele stehen zum Verkauf und andere bieten ihre Zimmer zu Schleuderpreisen an. Wie konnte es so weit kommen? Die italienischen Kurorte waren einst weltberühmt, doch wer heute zum Beispiel nach Chianciano Terme kommt, trifft auf traurige Hotelkästen, die nur noch der Schatten ihrer ruhmreichen Vergangenheit sind. Was ist von der Gastlichkeit dieser frühen Jahre geblieben?
Werfen wir kurz einen Blick auf das, was ich das „Las Vegas von Südtirol“ nenne: Ridnauntal, Vinschgau, Pustertal, Passeiertal. Der Gerechtigkeit halber könnte und müsste ich hier eigentlich fast alle Südtiroler Täler aufzählen. Was die Größe und die Vielfalt der Hotelangebote betrifft, so wächst sie ins Unermessliche. Schauen wir uns das Hotel an, in dem ich mich gerade befinde: Vor dem Riesenkasten schaukeln die Kinder glücklich im Tretboot über einen künstlichen See; zahlreiche Gäste sonnen sich rund um acht verschiedene Schwimmbecken, andere stehen bereits vor den üppig gefüllten Buffets Schlange. Auf den Tellern der Gäste türmt sich das Essen, übrigens auch später noch, wenn all die überzeugten Anhänger des All Inclusive satt und zufrieden vom Tisch aufgestanden sein werden. Im Las Vegas von Südtirol sind die Spas Tausende von Quadratmeter groß und in den Broschüren wird von Professionalität auf allerhöchstem Niveau geschwärmt. Ganz zweifellos werden die 20 Masseurinnen die nächsten drei Tage auch pausenlos beschäftigt sein. Ich setze mich an einen Tisch und bestelle einen Teller Speck. Serviert wird mir eine Art rohes Fleisch mit Räuchergeschmack. Ich habe die dunkle Sonnenbrille auf und mein Käppi tief ins Gesicht gezogen, damit nicht gleich jeder sieht, wer ich bin – hier in Südtirol kennen wir uns ja irgendwie alle. Und so spiele ich den Ahnungslosen und frage den Kellner: „Entschuldigen Sie, aber woher kommen eigentlich die Schweine für diesen Speck?“ „Was für eine Frage“, wundert sich der Kellner, „natürlich aus Südtirol!“ Doch da muss ich ihn leider enttäuschen. Nur die Marke „Südtiroler Bauernspeck“ garantiert, dass es sich wirklich um Schweine handelt, die zu ihren Lebzeiten südtirolerisch gegrunzt haben. Alles andere ist Geschwätz – nicht ganz so charmantes wie das der feinen Damen aus den 20er Jahren in den unvergesslichen Grand Hotels. Und in mir steigt eine Frage auf, die ich hier all denen stellen möchte, die mich lesen: Wie konnte es passieren, dass wir von den Grand Hotels zu den großen, überdimensionierten Massen-Hotels gelangt sind? Ist das wirklich der Tourismus, den wir wollen? Kann es sein, dass wir uns nur im „Makro“ nicht „Mikro“ fühlen? Wenn es nach mir ginge, würde ich Mega-Hotels einfach abschaffen, in der Hoffnung, dass die Gäste in der Zwischenzeit nicht schon zu Kühen geworden sind, die es nur zu melken gilt und die nur noch unter dem Begriff Kunden/ Konsumenten laufen. Ich wünsche mir, dass unser Südtirol sich sehr gut überlegt, in welche Richtung es sich in der nächsten Zukunft entwickeln möchte, damit es sich nicht in ein paar Jahren als ein riesiges Disneyland wiederfindet oder, schlimmer noch, mit 200 Hotels im Ausverkauf. Wenn es nach mir ginge, würde ich eine Obergrenze für Touristen festsetzen, die zu uns kommen wollen; außerdem fordere ich den Tourismus-Minister dazu auf, doch einmal die Parameter für die Sterne-Klassifizierung von Hotels und Pensionen neu zu überdenken. Wenn es nach mir ginge, würde ich eine authentischere touristische Kultur promoten und die italienischen Grand Hotels unterstützen – zum Beispiel durch ihre Aufwertung zum Welterbe der Menschheit. Ja, denn so käme wieder Glanz und Leben in unser Italien, mit seinen „Kurorten“ und all seinen wunderbaren Hotels, groß oder klein, mit seinen echten Trattorien, hervorragenden Pizzerien und Spitzenrestaurants, dem Symbol einer Gastlichkeit, die in diesem Land – dem schönsten Land der Welt – zu oft fehlt. Und ja, dann könnten wir uns wirklich aufschwingen, hoch in den Himmel, der Sonne entgegen, wie die „Fliegerinnen“ in jenen ruhmreichen 20er Jahren, dem Symbol für Freiheit und Unabhängigkeit.

michil costa 
 
 
 
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